Prozess um Vergewaltigungslüge

Prozess um Vergewaltigungslüge: Mühsame Suche nach der Wahrheit

Darmstadt. Die Befragungen sind quälend lang, die Verhandlungen ziehen sich seit Monaten, die Stimmung im Gericht ist aggressiv. Der Darmstädter Prozess gegen eine ehemalige Lehrerin wegen einer mutmaßlichen Vergewaltigung verlangt allen Beteiligten einiges ab.

Was geschah vor zwölf Jahren im Biologieraum einer Schule im südhessischen Reichelsheim? Ein Gericht versucht das herauszufinden - und die Prozessgeschichte ist nicht nur tragisch und spektakulär, sondern auch voller Fragen und Ungereimtheiten, es muss gelogen worden sein in all den Jahren, es wurde verschwiegen, gelitten und gestorben. Seit Ende April versucht die 15. Strafkammer am Landgericht Darmstadt, einen Einblick in diesen Wust zu bekommen. Eine frühere Lehrerin muss sich dort wegen Freiheitsberaubung verantworten. Sie soll vor zwölf Jahren einen Kollegen zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigt, für fünf Jahre ins Gefängnis und so im Kampf um eine Verbeamtung aus dem Weg geräumt haben, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt.

Doch Erinnerungslücken bei nahezu allen Zeugen, Verzögerungsversuche der Anwälte und eine Angeklagte, die das Verfahren nicht wirklich ernst zu nehmen scheint, haben viel Zeit gekostet. "Er hat mich vergewaltigt", hatte die 48-Jährige zu Prozessbeginn wiederholt, obwohl ihr angeblicher Peiniger Horst Arnold in einem Wiederaufnahmeverfahren 2011 von diesem Vorwurf freigesprochen worden war.

Aussagen kann Arnold im aktuellen Prozess aber nicht mehr: Er starb im vergangenen Sommer an Herzversagen. Bei der Wahrheitsfindung muss sich das Gericht auf Zeugenaussagen und die Einschätzung eines Psychiaters stützen, der die Angeklagte begutachtet hat. Dabei hatte er betont, nicht sagen zu können, ob die Vergewaltigung tatsächlich erfunden ist. Er sprach aber von einer "histrionischen Persönlichkeitsstörung" der Angeklagten und der Neigung, dramatische Geschichten zu erzählen. Sie habe eine "ausgeprägte Tendenz zur Selbstdarstellung" und sei "ausgesprochen egozentrisch".

So präsentierte sich die frühere Kollegin Arnolds auch stets vor Gericht: Ihr Aussehen verstellt sie durch eine dunkelrote Langhaarperücke und eine große Sonnenbrille, auf der Anklagebank wirkt sie meist unbeteiligt. Dann wiederum winkt sie lachend ins Publikum, wenn sie Bekannte erblickt. Zwei Verhandlungstage ließ sie einfach platzen, weil sie sich in einem "desolaten Zustand" befunden habe.

Zwar hatte die Kammer sie dafür verwarnt. Das hinderte die Frau aber nicht, an einem anderen Tag mit mehr als dreistündiger Verspätung im Gericht zu erscheinen. "Unsere Mandantin ist eine dreiviertel Stunde in die falsche Richtung gefahren", erklärten die Verteidiger der Frau. Auf dem Weg von Niedersachsen nach Darmstadt habe die Angeklagte Öl im Auto nachfüllen müssen und danach die falsche Autobahnausfahrt genommen.

Auch die meist langen Zeugenbefragungen der drei Verteidiger ziehen das Verfahren in die Länge. "Die Frage hatten wir schon" und "Das haben wir bereits geklärt", hakt die Vorsitzende Richterin Barbara Bunk mehrfach ein. Auch einen "aggressiven Grundton" bemängelt sie, wenn einer der Verteidiger Zeugen wiederholt scharf angeht.

Die vorerst letzten Verhandlungstage sind nun für Anfang September angesetzt. Ob dann ein Urteil in diesem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Fall gesprochen wird, ist noch offen. (dpa)

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