Interview: "Die AfD soll in Misskredit gebracht werden" 

Psychoanalytiker: Medien und Merkel treiben Ostdeutsche in Arme der AfD

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„Es gibt große Themen, bei denen man der jetzigen Opposition nichts mehr zutraut“: Demonstranten bei einer Kundgebung in Chemnitz. 

Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz gilt seit seinem Buch "Der Gefühlsstau" als Experte für ostdeutsche Befindlichkeiten. Nach den ausländerfeindlichen Vorfällen in Chemnitz verteidigt er den Osten.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat zu den Demos von Chemnitz gesagt, die Migration sei die Ursache aller Probleme und dass er als Chemnitzer auch auf die Straße gegangen wäre. Versteht Seehofer die Ostdeutschen besser als andere Politiker?

Dr. Hans-Joachim Maaz: Mit dieser Bemerkung ganz bestimmt. Die Aussage stimmt ja leider, wobei ich sie weiter differenzieren würde: Die Migration ist ja auch nur Symptom eines tieferliegenden weltweiten Problems. Auffällig ist jedenfalls die ziemlich hassvolle, feindselige Abwertung seiner Meinung – einer Meinung, die die Ostdeutschen ganz besonders berührt. Das hat man ja jetzt in Chemnitz erlebt.

Was meinen Sie damit?

Maaz: Bei mir und bei vielen, mit denen ich hier im Osten ins Gespräch komme, spitzt sich der Verdacht zu, dass es eine ziemlich dunkle Absicht gibt, dass der berechtigte Protest gegen die zunehmende Problematik mit der Migration nicht gelten, sondern von vornherein auf eine rechtsextreme Schiene geschoben werden soll. Dafür zeichnet offensichtlich die Regierungspolitik verantwortlich und auch ein Großteil der Medien.

Welches Interesse sollten die damit verfolgen?

Maaz:Die AfD in Misskredit zu bringen. Die AfD droht, bei der nächsten Wahl in Sachsen die stärkste Partei zu werden, sodass jetzt die Tendenz besteht, diese Partei mit dem sogenannten Schulterschluss mit Rechtsextremen zu diffamieren. Das gipfelt in der Forderung, dass die AfD vom Verfassungsschutz beobachtet werden soll. Deswegen wächst im Osten der Eindruck, dass das ein abgekartetes Spiel ist.

Und das wiederum empört die Ostdeutschen.

Maaz: Ja, denn damit ist die Reaktion der Ostdeutschen völlig missverstanden worden. Wenn sich das so weiterentwickelt, ist das der sicherste Weg, die AfD zu stärken. Man treibt die Ostdeutschen geradezu in die Arme der AfD.

Die Ostdeutschen fühlen sich also durch die Reaktionen auf ihre Proteste missverstanden?

Maaz: Ja, das kann man so sagen.

Der Beitrag stammt nicht von hna.de, sondern von der Video-Plattform Glomex.

Wie kann es sein, dass wir 30 Jahre nach der deutschen Einheit immer wieder darüber sprechen, dass sich die Ostdeutschen missverstanden fühlen?

Maaz: Weil die Kritik, die vom Osten kommt, nicht ernst genommen wird, sondern eigentlich nur diffamiert wird. Pegida ist in der westdeutschen Darstellung pfui. Es wird nicht differenziert diskutiert, dass Pegida auch Kritik an der Vereinigungspolitik ausdrückt und außerdem eine Kapitalismuskritik. Die ist im Osten sehr viel stärker ausgeprägt, auch aus der Geschichte heraus. Was ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, ist das Verhältnis zur Obrigkeit. Aus der DDR resultiert ein Misstrauen gegen das, was von oben kommt: Das Gefühl, dass man das, was die Regierung, die Partei und Medien vermelden, nicht ernst nehmen kann. Dieses Misstrauen wird in den letzten Jahren aktiviert durch den Umstand, dass ostdeutsche Problematik nicht ernst genommen wird.

Gibt es in Ostdeutschland ein Verständnis dafür, dass bei Bildern von Demonstranten mit Hitlergruß in Westdeutschland bei vielen eine rote Lampe angeht?

Maaz: Es ist keine Frage, dass die Polizei da sofort hätte eingreifen müssen. Aber das sagt doch überhaupt nichts über die wirkliche Situation im Osten. Und es ist kein Grund, den Osten gleich in die rechtsextreme Ecke zu stellen.

Es gab doch in der DDR eine rechtsextreme Szene, die aber totgeschwiegen wurde?

Maaz: Natürlich. Die gibt es im Osten, die gibt es im Westen, die gibt es in ganz Europa. Das ist aber nicht gleichzusetzen mit der Einstellung und Haltung der Mehrheit der Ostdeutschen. Offensichtlich ist es willkommen, jetzt sagen zu können: Aha, da gibt‘s auch Rechtsextreme. Ja, die gibt es, leider! Aber das erklärt nicht die Protestsituation im Osten.

Wogegen richtet sich der Protest der Ostdeutschen?

Maaz: Natürlich gegen die Folgen der Migrationspolitik und gegen eine Ausbreitung des Islam. Eine Rolle spielt auch die Furcht vor einer Geldabwertung. Der Protest geht außerdem gegen die Vereinigungspolitik, also quasi die Vorherrschaft des Westens, gegen die Abwertung ostdeutscher Berufs- und Lebensgeschichten. Dahinter steht die Kritik an dem, was der Kapitalismus mit den Menschen macht. Dass es zunehmend um Profit geht und weniger um menschliche Zusammenhänge. Das haben die Ostdeutschen ja erlebt. Die besondere Empfindlichkeit besteht im Osten darin, dass die meisten Menschen sich grundlegend neu orientieren mussten und dabei viel an Bedeutung, an Geltung, an Macht verloren haben. Im Moment werden die drohenden Veränderungen in unserer Gesellschaft aufgrund dieser Erfahrungen im Osten viel bedrohlicher erlebt als im Westen.

Dieses Gefühl von Bedrohung geben die Wirtschaftsdaten aber nicht her. Gerade Sachsens Wirtschaft boomt.

Maaz:Es mag Konzerne und große Firmen geben, die profitieren, aber das sagt nichts über die Situation der Menschen. Es gibt zu viele prekäre Arbeitsverhältnisse, Hartz IV, Armut im Alter und bei Kindern. Was überhaupt nicht zur Sprache kommt, ist: Der Mensch braucht Anerkennung, Bestätigung. Und das ist den Ostdeutschen in Abrede gestellt worden und verloren gegangen durch die Verwestlichung des Ostens.

Junge Leute, die heute in Chemnitz demonstrieren, kennen doch die Wende aus eigenem Erleben nicht mehr – das ist 30 Jahre her. Wird da eine Wende-Legende gestrickt?

Maaz: Nein, das ist zu einfach. Es geht auch um das, was junge Menschen von ihren Eltern vermittelt bekommen, um Einstellungen und Haltungen. Im Osten hat das Gemeinschaftsgefühl einen höheren Wert als Konkurrenzverhalten. So etwas tradiert sich doch in Familien, welche sozialen Werte man hat und wie man mit anderen umgeht. Das ist etwas, das der Osten positiv einbringt. Es geht nicht so sehr um: „Der Nächste ist mein Konkurrent“, sondern mehr um: „Der Nächste ist mein potenzieller Freund“.

Welches Problem haben Ostdeutsche dann mit Migranten?

Maaz: Das Problem ist, dass die Migration allgemein ein Symptom dafür ist, dass die Verhältnisse sich jetzt wieder verunsichern. Dass sich das, was mehr oder weniger mühevoll gelungen ist – Arbeit, Anpassung, Sicherheit im fremden System des Westens – erneut grundlegend verändern könnte. Als ungerecht wird auch erlebt, dass die Migranten undifferenziert vom Sozialstaat profitieren. Viele Ostdeutsche haben das Gefühl, dass es ihnen selbst nicht so gut geht im Vergleich zu dem, was für die Migranten getan wird.

Was halten Sie von der Erklärung, dass durch die Abwanderung junger, talentierter Menschen so etwas wie eine bürgerliche Mittelschicht in Ostdeutschland fehlt?

Maaz: Das stimmt, leider. Die grundlegenden Veränderungen der Wende haben dazu geführt, dass die Jungen und Mobilen abgewandert sind. Das betrifft ganze Landstriche. Die sogenannte bürgerliche Mitte hat es aber im Grunde seit dem Nationalsozialismus nicht mehr gegeben. Bei den Nazis wurde sie verfolgt, und in der DDR konnte sie sich nicht entwickeln. Und mit der Vereinigung wieder nicht. Ich halte es für einen großen Fehler der Vereinigungspolitik, nicht dafür gesorgt zu haben, dass sich in Ostdeutschland wieder Eliten bilden können, die wirtschaftlich, kulturell und politisch eine wesentliche Rolle hätten spielen können, mit denen man sich als Ostdeutscher identifizieren kann.

Wie kommen die ostdeutschen Wähler auf die Idee, dass die AfD die Probleme, die Sie beschrieben haben, lösen könnte?

Maaz: Darum geht es nicht. Die meisten AfD-Wähler, die ich kenne, erwarten nicht, dass die AfD diese Probleme löst. Man hat sogar Bedenken, ob es gut wäre für die Politik, wenn die AfD an die Macht käme. Aber: Die AfD ist als Protest-, als Oppositionspartei wichtig. Es gibt große Themen, bei denen man der jetzigen Opposition nichts mehr zutraut: Migration und Islam zum einen, Euro- und Finanzpolitik zum anderen. Und auch bei der Vereinigungspolitik. Man hat das Gefühl, diese Themen werden nicht mehr hinreichend kritisch bewegt. Das ist der Grund, warum die Menschen im Osten AfD wählen und mitunter Pegida ganz gut finden: als Proteststimme, weil sie möchten, dass ihr Protest endlich ernst genommen wird.

Zur Person 

Dr. Hans-Joachim Maaz (75) wurde in Böhmen geboren, wuchs in Sebnitz (Sachsen) auf und lebt in Halle/Saale. Er ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie für Psychotherapie. Bis zu seinem Ruhestand 2008 leitete er fast 30 Jahre lang die Psychotherapeutische Klinik im Evangelischen Diakoniewerk Halle. Bekannt wurde Maaz als Autor. 1990 erschien sein Bestseller „Der Gefühlsstau“, in dem er die Auswirkung von Repression in der DDR auf die seelische Gesundheit untersuchte.

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