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0,3 Prozentpunkte: Putins Umfragewerte sinken kaum — doch Ukraine bereitet Russen Sorge

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Von: Florian Naumann

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Kreml-Chef Wladimir Putin und Dimitri Medwedew im vertrauten Gespräch in Moskau. (Archivbild)
Kreml-Chef Wladimir Putin und Dimitri Medwedew im vertrauten Gespräch in Moskau. (Archivbild) © Maxim Shipenkov/dpa

Staatliche Umfragen zeigen hohen Zuspruch für Wladimir Putin in Russland. Was ist dran? Auch ein unabhängiges Institut sieht den Kremlchef im Aufwind.

München/Moskau – Es ist eine Frage, die den Westen beschäftigt – aber kaum zu beantworten ist: Stehen die Menschen in Russland wirklich hinter der Politik von Wladimir Putin und dem Ukraine-Krieg? Eine neue Umfrage aus Russland zeigt zumindest, dass das Land an dieser Darstellung festhält. Unabhängige Befragungen relativieren das Bild nur teilweise.

Laut einer Erhebung des staatlichen „Allrussischen Zentrums der Erforschung der öffentlichen Meinung“ hat Putin zuletzt zwar an Zuspruch eingebüßt. Die Rede ist dabei allerdings von 0,3 Prozentpunkt. Der Wert sei in der vergangenen Woche von 80,4 auf 80,1 Prozent gefallen, berichtete die ebenfalls staatseigene Nachrichtenagentur Tass am Freitag (4. November).

Russland: Putins Umfragewerte sinken nur leicht – unabhängiges Institut sieht ähnliches Ergebnis

Für andere wichtige Akteure wies die Staats-Umfrage dem Bericht zufolge niedrigere Werte aus: So stehe Putins Partei Einiges Russland bei 40,3 Prozent Zuspruch, berichtet merkur.de. Vertrauen in die gesamte Regierung hätten 50,3 Prozent der Befragten geäußert – also eine denkbar knappe absolute Mehrheit der Umfrage-Teilnehmer.

Inwieweit den Umfragen zu trauen ist, ist offen. Das unabhängige und von Putins Regierung als „ausländischer Agent“ gebrandmarkte Institut Lewada hatte am 1. November aber ähnliche Zahlen veröffentlicht: 79 Prozent der Befragten hätten sich im Oktober hinter Putins Regierungshandeln gestellt, hieß es dort.

Im September, dem Monat der russischen Teilmobilisierung, waren die Zustimmungswerte laut Levada niedriger ausgefallen. 77 Prozent Zuspruch für Putin maßen die Demoskopen damals – nach 83 Prozent im Vormonat. Laut dem Portal Moscow Times war das der größte Umfrageeinbruch für den Kremlchef seit 2018 eine Erhöhung des Renteneintrittsalters landesweite Proteste hervorgerufen hatte.

Ukraine-Krieg-Umfrage: Russen stützen Putin – sind aber wohl zunehmend besorgt

Doch ungetrübt positiv ist die Lage für Putin offenbar nicht. Das Levada-Institut erhebt regelmäßig auch die Haltungen der Bevölkerung in Russland zum Ukraine-Krieg. Das jüngste Ergebnis: Im Oktober waren den Daten zufolge 58 Prozent der Russen „sehr besorgt“ über die Lage in der Ukraine – der bisher höchste gemessene Wert. Nur 11 Prozent der Befragten gaben demnach an, sie seien „nicht allzu besorgt“ oder „gar nicht besorgt“. 73 Prozent der Umfrage-Teilnehmer befürworteten „die Aktionen des russischen Militärs in der Ukraine“ allerdings tendenziell oder komplett.

Putin schob zuletzt allerdings in Zusammenarbeit mit den neuen Schlüsselfiguren Ramsan Kadyrow und Jewgeni Prigoschin die Verantwortung in Richtung einzelner Militär-Verantwortlicher. Ein ranghoher Truppen-Vertreter musste seinen Hut nehmen; TV-Propagandist Wladimir Solowjow wetterte über „Bastarde“, die Fehlinformationen verbreitet hätten, wie unter anderem fr.de berichtete.

Russland-Umfragen: Wie sicher sitzt Putin im Sattel? Wolkow sieht „Abgrund“ im Land

Russische Oppositionelle wie Leonid Wolkow, ein Vertrauter Alexej Nawalnys, betrachten die Umfragen aus Russland generell mit Skepsis. Aus eigener Umfragearbeit taxierte Nawalnys Organisation das Vertrauen in Putin allerdings oftmals nur geringfügig niedriger als offiziell ausgewiesen. So hatten Staats-Demoskopen Putins Beliebtheit nach der Krim-Annexion bei 86 Prozent gesehen. „In unseren eigenen Umfragen sind wir zwar nie auf diesen hohen Wert gekommen, aber an die 80 Prozent hat er wohl tatsächlich erreicht“, schreibt Wolkow in seinem unlängst auf Deutsch veröffentlichten Buch „Putinland“.

Der Putin-Kritiker führt diese Lage wesentlich auf die Wirkung der russischen Medienlandschaft zurück. „Wir sahen, dass es nicht ein Russland gibt, sondern zwei: ein Russland des Fernsehens und ein Russland des Internets. Dazwischen klafft ein riesiger, man könnte sagen schwindelerregend tiefer Abgrund.“ Insbesondere im russischen Staats-TV waren auch in den vergangenen Wochen immer wieder teils drastische Drohungen und Anschuldigungen gen Ukraine und Westen zu vernehmen. Unabhängige Medien hat Russlands Regierung hingegen seit Kriegsbeginn nochmals zurückgedrängt.

Immer wieder richtet sich Putin in Reden mehr oder minder direkt auch an Zuhörer im Westen. Eine Umfrage in Deutschland zeigte am Donnerstag auch in der Bundesrepublik wachsenden Zuspruch zu Thesen und Theorien aus dem Kreml – die Leiterin der Studie attestierte eine „beunruhigende“ Entwicklung. (fn)

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