Eine Stadtverwaltung macht gute Erfahrungen mit anonymen Bewerbungen

Nur die Qualifikation zählt

Bessere Chancen für Bewerber mit Migrationshintergrund oder Behinderung: Die Stadt Celle hat mit dem Modellprojekt „Anonyme Bewerbung“, wie auf diesem Symbolbild dargestellt, gute Erfahrungen gemacht. Foto: dpa

Celle. Wer sich bei der Stadtverwaltung Celle für eine Stelle interessiert, der schickt besser kein Foto mit. Seit Anfang dieses Jahres nimmt Celle als einzige deutsche Kommune an dem bundesweiten Modellprojekt „Anonyme Bewerbung“ teil. Diejenigen, die entscheiden, wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, bekommen nur Informationen über die Qualifikation und die Motivation der Bewerber. Aussehen, Name, Geschlecht, Alter, Familienstand, Religion und Herkunft spielen keine Rolle – darüber erfahren die Personalentscheider nichts.

„Wir können jetzt schneller eine Vorauswahl treffen, weil wir uns auf wenige wichtige Kriterien konzentrieren“, zieht Jockel Birkholz, Leiter der Personalabteilung bei der Stadt Celle, nach zehn anonymisierten Bewerbungsverfahren eine erste positive Bilanz. In der Fachwerkstadt will man auch nach Auslaufen des Modellprojektes Ende des Jahres an diesem Verfahren festhalten – nicht zuletzt, um dem Vorwurf der Vetternwirtschaft zu begegnen. „Es kommen immer mal wieder Vertreter von Parteien oder Vereinen zu mir oder zu Kollegen und sagen: ‘Ich kenne einen guten Mann, der hat sich gerade bei euch beworben. Kannst Du nicht was für den tun?’ Ich habe solche Anfragen schon immer abgelehnt, aber heute kann ich einfach entgegnen, dass ich durch das neue Verfahren gar nicht weiß, wer sich bei uns beworben hat.“

Türkische Namen

Hintergrund für das von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes initiierte Modellprojekt sind Studien, wonach beispielsweise die Angabe eines türkischen Namens ausreicht, die Chancen auf eine Einladung um 14 Prozent zu senken. „Ich glaube nicht, dass wir bestimmte Bewerber bewusst diskriminieren. Aber es ist möglich, dass sich vieles unbewusst abspielt. Das Foto hatte bisher eine große Bedeutung, die fällt jetzt weg“, sagt Birkholz. Bei den zehn in Celle anonym gelaufenen Bewerbungsverfahren wurden allerdings keine Menschen mit ausländischen Wurzeln eingestellt.

Also taugt dieses Modell doch nicht, um etwas gegen die Benachteiligung von bestimmten Gruppen zu tun, weil sich dann im Vorstellungsgespräch die Jungen und Schönen mit deutscher Muttersprache durchsetzen? „Das ist Quatsch“, meint Steffen Müller. Der 46-Jährige war ein halbes Jahr arbeitslos, als er sich bei der Stadt Celle auf eine Verwaltungsstelle anonym bewarb. Vorher waren mehr als 20 Bewerbungen erfolglos verlaufen. Das Alter und seine Sehbehinderung, die man auf dem Passbild erkennt, vermutet Müller als Gründe für die Ablehnungen. „Die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch ist die größte Hürde. Wenn man die nimmt, dann kann man sich präsentieren“, so Müller, der die Stelle bekam.

Auf Arbeitsuche

Er ist wieder auf Arbeitssuche. Nicht etwa, weil ihm die Arbeit in Celle nicht gefällt. Aber seine Familie wohnt in Kassel, so dass man sich nur am Wochenende sehen kann. Das ist den Müllers etwas zu wenig. Also bewirbt sich Müller wieder mit Passbild und Altersangabe bei Behörden in Nordhessen und Südniedersachsen. Seine Hoffnung: „Aus einer festen Stelle ist es einfacher, etwas neues zu finden als aus der Arbeitslosigkeit heraus. Und vielleicht erkennen andere Kommunen ja auch die Vorteile des anonymen Bewerbungsverfahrens.“ (lni)

Von Joachim Göres

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