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Neue Raketenabwehr: Pfeil gegen Putin – was taugt das „Arrow 3“-System?

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Von: Jens Kiffmeier

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Vorfahrt für die Luftverteidigung: Olaf Scholz stellt ein europäisches Raketenabwehrsystem gegen Russland auf – und setzt dabei auf Arrow 3. Zu Recht?

Berlin – Gemeinsam gegen mögliche Raketenangriffe: Die Bundesregierung hat offiziell den Aufbau eines europäischen Luftverteidigungssystems auf den Weg gebracht. Mit Blick auf eine wachsende Bedrohungslage im Zuge des Ukraine-Krieges wollen die Unterstützerstaaten mit dem European Sky Shield (ESSI) bestehende Lücken im Nato-Abwehrschirm schließen. „Damit kommen wir in unserer gemeinsamen Verantwortung für die Sicherheit auf unserem Kontinent einzustehen, gemeinsam nach“, sagte Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) zum Projektstart. Die neue Raketenabwehr soll sogar vor Angriffen aus dem Weltraum schützen. Helfen soll dabei vor allem das israelische Arrow-3-System. Doch was taugt es überhaupt?

Ukraine-Krieg: Olaf Scholz (SPD) startet gemeinsames Luftabwehrsystem in Europa

Bereits am Donnerstag (13. Oktober 2022) unterschrieben 14 Unterstützerstaaten die Absichtserklärung zum Aufbau des European Sky Shields. Neben Deutschland beteiligen sich unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges an dem Luftabwehrsystem unter anderem auch Großbritannien, Norwegen, die Niederlande und die meisten osteuropäischen Staaten. Die neue Raketenabwehr ergänzt dabei ältere Systeme der Nato. So gibt es derzeit Defizite vor allem bei Angriffen durch ballistische Raketen, die auf ihrer Flugbahn große Höhen erreichen, aber auch bei der Abwehr von Drohnen und Marschflugkörpern, wie kreiszeitung.de berichtet.

Raketenschutzschild: Anschaffung von Arrow 3 soll Europa auch vor Putins Atomkrieg 2022 schützen

Mit dem neuen Raketenschutzschild reagiert die Nato zusammen mit den europäischen Partnern auf die Entwicklungen in Folge des Ukraine-Krieges. Zwar hatten vorrangig die USA in den vergangenen Jahren bereits ihren Schutzschirm erweitert und Patriot-Systeme in Polen und Rumänien installiert. Diese waren vorrangig aber auf mögliche Bedrohungen aus dem Iran gerichtet. Weitergehende Systeme waren mit Blick auf Russland nicht aufgebaut worden. Nach dem Angriffskrieg auf die Ukraine durch Präsident Wladimir Putin und dessen Drohungen vor einem Atomkrieg 2022 hat die westliche Allianz nun aber ihre Zurückhaltung aufgegeben.

Hat in Europa ein neues Wettrüsten bei der Raketenabwehr entfacht: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Hat in Europa ein neues Wettrüsten bei der Raketenabwehr entfacht: Russlands Präsident Wladimir Putin. © Alexei Danichev/Jens Büttner/dpa/Montage

Angesichts der veränderten Bedrohungslage hält Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die zusätzlichen Anstrengungen in der Luftverteidigung für angemessen. Bereits Ende August hatte er die Pläne für die Raketenabwehr angekündigt und als einen „Sicherheitsgewinn für ganz Europa“ verteidigt. Durch die gemeinsame Anschaffung sei der Raketenabwehrschirm kostengünstiger und leistungsfähiger, sagte er laut der Nachrichtenagentur dpa.

Hat Deutschland ein Raketenabwehrsystem? 2022 steht die Bundeswehr ziemlich blank da

Die Initiative sieht nun vor, dass im Rahmen vom European Skyshield gemeinsam neue Waffensysteme eingekauft werden, die dann zusammen möglichst günstig ein großes Gebiet abdecken. Hat Deutschland überhaupt bereits ein Raketenabwehrsystem? Tatsächlich hat die Bundeswehr hat hier einen riesigen Nachholbedarf. Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges hatten Experten und Politik der Bundeswehr in diesem Bereich eine „Fähigkeitslücke“ bescheinigt. Man stehe bei Ausrüstung und Material ziemlich „blank da“, hatte Heeresinspekteur Alfons Mais gewarnt.

Wie viele Patriot-Systeme hat Deutschland? Bundeswehr verfügt über zwölf Abschussanlagen

Derzeit hat Deutschland für den näheren Bereich und die Bekämpfung von Flugzeugen und Hubschraubern die Luftabwehrrakete Stinger im Einsatz, die für einen Abschuss von der Schulter aus auch in die Ukraine abgegeben wurde. Auf die mittlere Distanz wirkt zudem das größere US-amerikanische Patriot-System. Deutschland verfügt hier noch über zwölf Abschussanlagen – was aber bei weitem nicht für den Schutz des gesamten Landes reicht. Deswegen soll nun das israelische Raketenabwehrsystem „Arrow 3“ eingekauft werden – neben zusätzlichen Partiot-Batterien und dem Flugabwehrsystem Iris T.

Kann Deutschland ballistische Raketen abwehren? Arrow 3 aus Israel soll diese Lücke in der Raketenabwehr schließen

Das Besondere an „Arrow 3“: Das Raketenabwehrsystem kann theoretisch ballistische Mittel- und Langstreckenraketen abfangen – und zwar in großen Höhen. Angeblich sogar weit entfernt von der Erdoberfläche, wenn sie sich außerhalb der Atmosphäre befinden oder gerade in diese wieder eintreten – also auch in über 100 Kilometern Höhe. Die bisherigen Systeme schaffen dies maximal in einer Höhe von 30 Kilometern.

Raketenabwehr – was ist das?

Ein Raketenschutzschild setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: Das Arrow-System aus Israel umfasst etwa Arrow 3-Raketen, ein Kontrollsystem und eine Radaranlage. Das Zusammenspiel der verschiedenen Einheiten erfolgt dabei mit höchster Präzision. Die Rakete wird von der Radaranlage namens Green Pine gesteuert und zum Ziel geführt. Hierfür reflektiert die Radaranlage Energie ins Ziel. Auf Grundlage von Berechnungen wird die Rakete mit einem festgelegten Treffpunkt gestartet. Mögliche Kurskorrekturen werden vom Bodenradar an die Arrow 3-Rakete gesendet.

Raketenabwehrsystem Deutschland 2022: Selbst mit Arrow-3-System ist der Raketenabwehrschild nicht hunderprozentig sicher

Doch wie zuverlässig sind die modernen Systeme? Die Technologie ist sehr komplex. Im Friedensforschungsprojekt der Uni Dortmund hat man sich bereits hinlänglich mit der Frage nach der Effektivität auseinandergesetzt. Bei der Raketenabwehr könne schon einiges schiefgehen, sagte Götz Neuneck vor wenigen Monaten dem Deutschlandfunk in einem Interview. „Das Steuersignal geht verloren. Es gibt einen Rechenfehler. All diese Dinge sind möglich.“ Hinzu komme, dass sich Raketenschirme auch zusätzlich mitfliegenden Attrappen als Täuschungsmanöver austricksen lasse, sodass die Abwehrrakete ein falsches Ziel anvisiere. Unter dem Strich bezifferte der Experte zusammen mit seinem Kollegen Jürgen Altmann die Erfolgschancen auf 50 Prozent. Hingegen sollen israelische Einsätze eine hohe Trefferquote gezeigt haben.

Debatte um Luftabwehr: Opposition begrüßt die europäische Raketenabwehr

In der Bundesregierung zeigt man sich von dem Waffensystem jedenfalls überzeugt. Bis spätestens 2025 will die Ampel-Koalition die Anschaffung über die Bühne gebracht haben. Die Kosten für das Arrow-3-System werden auf zwei Milliarden Euro beziffert. Im Haushalt ist das Geld vorhanden. Nach Beginn des Ukraine-Krieges hatte Finanzminister Christian Lindner (FDP) ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro auf den Weg gebracht.

Bei Regierung und Opposition begrüßt. Bereits im März reiste eine Delegation des Verteidigungsausschusses im Bundestag nach Israel, um sich die Vorzüge des Raketenschutzschildes zeigen zu lassen. Man tue gut daran, ließ die Vorsitzende Agnes Strack-Zimmermann im Anschluss wissen, das System zu kaufen und schnell umzusetzen. Und auch in der Union teilt man diese Auffassung. Angesichts der Bedrohungslage sei es notwendig, die „Luftabwehrsysteme der Bundeswehr schnell zu ersetzen und zu modernisieren“, sagte Henning Otte (CDU) zu tagesschau.de. Mit der Unterzeichnung des ESSI-Programms ist die Bundesregierung schon einmal einen großen Schritt gegangen.

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