Raritäten der Staatseingüter unterm Hammer

Eltville. Nach zwei Stunden brandet erstmals lauter Beifall auf: Die Rauenthaler Baiken Riesling Spätlese aus dem Kriegsjahrgang 1942 hat die 500-Euro-Grenze überschritten.

Eine Flasche dieser Rarität aus der Schatzkammer der Staatsweingüter Kloster Eberbach hat Auktionator Leo Gros im Laiendormitorium unterm Hammer; und der erfahrene Versteigerer ist nicht gewillt, diesen schon fallen zu lassen.

Gros, von Hause aus Professor der Chemie mit scheinbar unerschöpflichem Anekdotenschatz rund um den Wein, schaut den Kommissionären tief in die Augen - mit Erfolg: Erst bei 670 Euro ist Schluss, und die ersten Papiertüten knallen - Zeichen großer Begeisterung. In den Tüten hatten sich die mehr als 400 Gäste Brötchen mitgebracht, neben Wasser unverzichtbare Beigabe einer nassen Versteigerung. Nass, weil die Steigweine - mit Ausnahme der Raritäten - auch während der Versteigerung als Probeschluck ausgeschenkt werden.

Noch einmal wird ganz am Ende geknallt - für 2140 Euro wechselt der Benefizwein zu Gunsten eines integrativen Kindergartens den Besitzer: eine Flasche Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder Rot-weiß Edelbeerenauslese Jahrgang 1937, dem der Katalog feinste Rost- und Malzaromen, eine erstaunliche Frische und weiterhin Zukunft attestiert.

Nur wenige der Gäste steigern selbst mit; die meisten genießen einfach das traditionsreiche gesellschaftliche Ereignis. Wer bietet, erfährt man selten, denn im Saal dürfen nur neun Kommissionäre im Auftrag der Weinfreunde Gebote abgegeben. Gros reicht schon ein Nicken, ja manchmal nur ein Zucken der Augenbraue der Kommissionäre.

Er kennt sie lange und weiß, wann er den Saal im Sekundentakt mit Zehn-Euro-Schritten begeistern kann und wann die neun vor seinen Tisch treten, um zu verhandeln. Denn bei größeren Losen jüngerer Jahrgänge wie etwa den 240 Flaschen 2010er Steinberger Riesling Kabinett Goldkapsel sollen alle Interessenten zu ihrem Recht kommen.

Von der goldgelben Baiken-Spätlese Jahrgang 1967 hat der Leiter der Staatsweingüter, Dieter Greiner, dagegen nur drei Flaschen aus der Schatzkammer geholt. Das Ausgangsgebot liegt bei 25 Euro. Doch erst bei 180 Euro lässt Gros den Hammer fallen. Eine 1962er Riesling Auslese Rüdesheimer Hinterhaus, der der Katalog „dezente Süße mit anregender Säurestruktur“ bescheinigt, bringt es auf 370 Euro. Doch auch für Preise zwischen elf und 30 Euro kommen Weinliebhaber schon auf ihre Kosten. Greiner ist im Anschluß zufrieden mit 48 975 Euro Umsatz. Ihm gehe es vor allem um die Identität der Rheingauer Weine: „Wir wollen zeigen, dass sie ihre Qualität auch nach Jahrzehnten unter Beweis stellen können.“

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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