Die Stationen der Nacht, in der Europa sich selbst rettete

Raus aus den Schulden – der Gipfel-Krimi

Um 3.23 Uhr ist die Kampfansage Europas an die Spekulanten fertig. Stundenlang haben die 17 Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone miteinander und zugleich mit den Vertretern der Banken gerungen. Dann steht fest: Der Rettungsfonds EFSFwird nachgeladen.

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Mit fünffacher „Feuerkraft“ schießt man jetzt bei Angriffen aus der Finanzwelt zurück. Eine Billion Euro stehen bereit, falls nach Griechenland, Portugal und Irland auch Italien und Spanien ins Wanken kommen würden. „Ich bin mit den Ergebnissen sehr zufrieden“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel kurz nach vier Uhr – übernächtigt, etwas wackelig in der Wortwahl.

Das geht den übrigen europäischen Spitzenvertretern kaum anders. Auch Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker, zugleich Chef der Euro-Gruppe, sucht nach den richtigen Formulierungen, ehe er sagt: „Wir haben ein sehr gutes Ergebnis gefunden.“ Bis zuletzt hatten sich die Banken dagegen gesträubt, Griechenland die Hälfte seiner Schulden zu erlassen. Etwa 100 Milliarden Euro nehmen die Geldgeber von den Schultern der Regierung von Giorgos Papandreou, der sich erleichtert zeigt: „Unser Land kann in eine neue Ära starten.“ Immer wieder hatten die Vertreter der Internationalen Bankenverbandes neue Einwände vorgebracht, um die Forderungen der Politik abzuwehren. Mal fehlten Sicherheiten, dann waren eswieder die Auszahlungsmodalitäten der verbleibenden Hälfte, die ihnen nicht passten. Der Gipfel wurde erst nervös, reagierte verärgert und – wie man hörte – mit offenen Druck: Falls die Banken-Branche nicht gezwungenermaßen „freiwillig“ auf einen großen Teil ihrer Ansprüche verzichte, werde man Athen in die Pleite entlassen, drohten die Staats- und Regierungschefs. Dann müssten die Institute eben einen Totalausfall ihrer Forderungen hinnehmen.

„Wir haben unser Angebot angstfrei vorgebracht“, sagt die Bundeskanzlerin in der tiefen Nacht fast verschmitzt. Druck wäre wohl das richtige Wort. Schließlich geben die Vertreter der Institute klein bei und akzeptieren den Deal: Sie müssen ihr Eigenkapital um 100 Milliarden Euro auf neun Prozent erhöhen. Wenn sie das Geld nicht selbst beschaffen können, springen die Staaten ein. Anschließend ist der Schuldenschnitt verkraftbar. Und dann ist da noch einer, der in dieser Nacht zurückstecken musste: Silvio Berlusconi. Der italienische Regierungschef, der sich jahrelang nicht um die „Blauen Briefe“ aus Brüssel wegen seines Staatsdefizits kümmern wollte, steht mit dem Rücken zur Wand. Jetzt nehmen ihn die Kolleginnen und Kollegen ins Gebet, fordern ihn immer machtvoller zu Reformen auf, um seine Verschuldung von über 120 Prozent anzugehen.

Der 75-Jährige gibt nach, verspricht, bis zum 15. November einen detaillierten Fahrplan „Raus aus den Schulden“ vorzulegen. Damit nicht genug. Am Ende stimmt er sogar der Forderung zu, Fachleute der EU-Kommission nach Italien zu lassen, die alle Maßnahmen strikt überwachen. Trotzdem wappnet sich Europa gegen das, was noch nicht wirklich abgewendet ist: den Zusammenbruchs einer der großen Volkswirtschaften. 270 der 440 verfügbaren Milliarden Euro des Rettungsschirms werden genutzt, um damit Einlagen abzusichern und ein Bündnis mit anderen internationalen Fonds zu gründen. So wird aus eins fünf, aus 270 Milliarden über eine Billion Euro. Die Botschaft an die Spekulanten soll klar und deutlich sein: Lasst die Spekulation auf den Euro. Im Zweifel haben wir mehr Geld als ihr, um eure Angriffe abzuwehren.

Es ist halb fünf, als zunächst Bundeskanzlerin Angela Merkel und wenige Minuten später auch Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy in ihre Limousinen steigen und abreisen. Man scherzt, man lächelt, man schlägt sich auf die Schulter – nichts schweißt Europa offenbar mehr zusammen als eine gelungene Einigung. Jetzt geht der Blick nach vorne, auf die nächsten Stunden, wenn die Märkte öffnen.

Von unserem Korrespondenten Detlef Drewes

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