Bereicherung oder Missbild?

Reformationsfenster: Architektenerbe klagt gegen Altkanzler-Geschenk

Künstler Markus Lüpertz (79, links) mit Altkanzler Gerhard Schröder (76) im Jahr 2016 bei der Enthüllung der Skulptur „Echo des Poseidon“ in Duisburg.
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Künstler Markus Lüpertz (79, links) mit Altkanzler Gerhard Schröder (76) im Jahr 2016 bei der Enthüllung der Skulptur „Echo des Poseidon“ in Duisburg.

Vor zweieinhalb Jahren wurde bekannt, dass Altkanzler Gerhard Schröder der Marktkirche in Hannover ein von Star-Künstler Markus Lüpertz gestaltetes Glasfenster stiften möchte. Jetzt klagt der Erbe des Kirchenarchitekten gegen den Einbau des großzügigen Geschenks.

Hannover – Geschenke kommen nicht immer gut an. Diese Erfahrung musste auch Altbundeskanzler Gerhard Schröder machen, der im Zuge des 500. Reformationsjubiläums vor drei Jahren der Marktkirche in Hannover ein 13 Meter hohes Buntglasfenster stiften wollte. Seitdem tobt um das Glaskunstwerk ein erbitterter Streit – seit Mittwoch nun auch vor dem Landgericht Hannover.

Zum Prozessauftakt machten sich die Beteiligten während eines Ortstermins zunächst ein Bild von der Sachlage. Dabei ist es nicht die evangelische Gemeinde, die sich gegen das Fenster stemmt. Der Kirchenvorstand hat sich klar für einen Einbau des Reformationsfensters in die mittelalterliche Backsteinkirche ausgesprochen.

Anders sieht das Kläger Georg Bissen, der Erbe des Architekten Dieter Oesterlen (1911-1994). Der in Tokio lebende Rechtsanwalt war am Mittwoch extra für den Ortstermin in Niedersachsens Landeshauptstadt angereist. Oesterlen hatte die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche 1946 neu aufgebaut. Als Inhaber der Urheberrechte macht Bissen geltend, dass das modern gestaltete Fenster in keiner Weise in den gotisch geprägten Innenraum der Kirche passe. Bissen betonte, dass es ihm darum ginge, dass das Werk seines Stiefvaters in der Atmosphäre der Schlichtheit und Geschlossenheit erhalten bleibt.

Altkanzler Schröder hat das Kunstwerk bei seinem befreundeten Künstler Markus Lüpertz in Auftrag gegeben. Der hat dafür einen Entwurf mit Motiven der Reformation angefertigt, der in Arbeit und laut der beauftragten „Glasstudios Derix“ bereits zur Hälfte fertig ist. Der Entwurf zeigt eine weiße Figur, die Martin Luther darstellen soll. Er ist vor allem wegen fünf großer schwarzer Fliegen auf dem Bild umstritten. Die Fliegen stehen für das Böse und die Vergänglichkeit.

Der Entwurf des umstrittenen Reformationsfensters

Die Kosten für Material, Herstellung und Einbau des Fensters belaufen sich auf etwa 150 000 Euro. Für die Finanzierung will Schröder eigenen Angaben zufolge auf Honorare aus Vorträgen verzichten und diese an die Kirchengemeinde weitergeben. Für das umstrittene Werk spricht sich auch Hannovers Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes aus. Die vom Kirchenvorstand als demokratisch gewähltes Gremium getroffene Entscheidung für das Fenster sei zu respektieren. „Kirche darf, Kirche muss sich verändern. Und Kirchenräume müssen sich verändern dürfen.“

Markus Lüpertz zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlern der Gegenwart. Viele seiner Werke werden dem Neoexpressionismus zugeschrieben. Von 1988 bis 2009 war er Rektor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Im kirchlichen Auftrag entwarf er bereits mehrfach Glasfenster, unter anderem für die französische Kathedrale Saint-Cyr-et-Sainte-Julitte in Nevers. Auch für Kirchenfenster in der Lübecker Marienkirche lieferte Lüpertz die Vorlagen.

Es gehe darum, „völlig unbefangen und nur dem Gesetz und Recht verpflichtet“ die Kirche auf sich wirken zu lassen, sagte der Vorsitzende Richter der 18. Zivilkammer am Landgericht Hannover, Florian Wildhagen am Mittwoch. Eine gute Dreiviertelstunde lang machten sich drei Richter, Kirchenvertreter und die jeweiligen Rechtsanwälte ein Bild der Situation vor Ort. Für den 3. November ist eine mündliche Verhandlung vor dem Landgericht anberaumt.  mit epd

Von Daniel Göbel

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