„Geld drückt Wertschätzung aus“

Interview mit Wirtschaftsforscher: Reichtum verdirbt uns nicht 

„Umfairteilen“: Unser Archivbild von 2012 zeigt eine Demonstration vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Die Demonstranten forderten eine stärkere Besteuerung von Reichtum. Foto: dpa

Innsbruck. 97 Lotto-Spieler wurden 2014 durch einen Gewinn zu Millionären. Wirtschaftsforscher Prof. Dr. Matthias Sutter über die Auswirkungen des Reichtums auf den Charakter.

Herr Professor Sutter, Sie erforschen, welchen Einfluss Geld auf das Verhalten eines Menschen hat. Ein Sprichwort sagt „Geld verdirbt den Charakter“. Trifft das zu? 

Matthias Sutter: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt feste Charaktere, die arm sind, und es gibt feste Charaktere, die reich sind. Das hat mit Geld nichts zu tun.

Beeinflusst Geld das Verhalten eines Menschen? 

Sutter: In unserer Gesellschaft, wo Geld ein anerkanntes Tausch- und Zahlungsmittel ist, drückt es auch die Wertschätzung einer Gruppe oder Firma aus für das, was man tut. Damit wird honoriert, wie wertvoll jemand in einem Produktionsprozess ist. So ist Geld ein Signal, für wie wichtig jemand für eine bestimmte Aufgabe gehalten wird.

Also strengen sich Menschen an, damit sie mehr verdienen und sich wichtiger fühlen? 

Sutter: Nein, nicht zwingend. Geld hat eine starke Anreizwirkung für Menschen, aber es ist nicht der einzige Anreiz. Auch die Verteilung von Geld ist für die Menschen bedeutsam.

Wieso? 

Sutter: Die meisten Menschen werden sagen, dass es besser ist, wenn das Geld gleich verteilt ist, also die Einkommen nicht zu stark auseinander gehen. Aber sie handeln anders. In einem Experiment wurde gefragt, wie jemand 100 Euro aufteilen würde zwischen sich und einem anonymen Probanden. 90 Prozent sagten: Fifty-fifty. Als die Probanden aber real 100 Euro bekamen, gaben sie im Schnitt nur 20 Euro ab. 30 bis 40 Prozent der Befragten behielten den Hunderter für sich und gaben gar nichts ab.

Macht Geld egoistisch? 

Sutter: Man geht mit Geld anders um. In einem Versuch haben wir acht- bis zehnjährigen Kindern zwei Sorten Chips gegeben. Im einen Fall bekamen sie Süßigkeiten oder Obst für einen Chip, im anderen Fall eine Euromünze. Vom Wert her waren beide Chips gleich. Jedes Kind sollte entscheiden, ob es einen Chip an ein anderes Kind abgibt. Beim Geld-Chip behielten 90 Prozent der Kinder den Chip für sich. Bei den Naturalien-Chips gaben 50 Prozent der Kinder einen Chip ab.

Wie erklären Sie dieses Verhalten? 

Sutter: Es entspricht einer sozialen Norm: Eltern sagen ihrem Kind, dass es sein Pausenbrot teilen soll, wenn ein anderes Kind seins vergessen hat. Aber sie geben ihm nicht zwei Euro mit dem Auftrag, einen abzugeben.

In einem anderen Experiment waren reiche Erwachsene eher bereit, Kindern Schokolade wegzuessen als arme Erwachsene. Macht Geld rücksichtslos? 

Sutter: Das würde ich so nicht sagen, aber generell wachsen Menschen aus reichen Elternhäusern vermutlich eher mit dem Gefühl auf, sich auch mal was rausnehmen zu können, ohne dass das sofort schlimme Folgen hat. Das Elternhaus hat große Bedeutung dafür, ob ein Mensch selbstbewusst auftritt. Kindern Schokolade wegzuessen hat allerdings nichts mit Selbstbewusstsein zu tun, damit das klar ist.

Macht es einen Unterschied, ob jemand sein Vermögen erarbeitet hat oder ob er es geerbt oder gewonnen hat? 

Sutter: Das macht einen großen Unterschied - auch für die Umwelt. In einem Forschungsprojekt in Köln, bei dem eine Gruppe für Geld eine manuelle Tätigkeit ausführen musste, es für die andere aber quasi vom Himmel fiel, hat sich gezeigt: Bei denen, die dafür gearbeitet hatten, akzeptierten die anderen leichter, dass sie in einer Verteilungssituation mehr von dem Geld für sich behielten.

Zum Schluss noch ein Sprichwort: „Geld allein macht nicht glücklich.“ Stimmt das? 

Sutter: Ja, absolut.

Wie können Sie das wissen? 

Sutter: Das zeigen Experimente, aber das weiß ich auch aus eigener Erfahrung. Eine gute Bezahlung allein reicht nicht, damit man zufrieden ist, auch die Rahmenbedingungen und die persönliche Situation müssen stimmen.

Von Tatjana Coerschulte

Zur Person

Prof. Dr. Matthias Sutter (46) befasst sich als einer der wenigen Volkswirte im deutschsprachigen Raum mit experimenteller Wirtschaftsforschung. Er untersucht, wie Menschen wirtschaftliche Entscheidungen  treffen.  Gebürtigaus Hard (Vorarlberg), studierte der Österreicher katholische Theologie und Volkswirtschaft in Innsbruck. Er lehrt und forscht an den Universitäten Köln und Innsbruck. Sutter ist verheiratet und hat zwei Töchter. Die Familie lebt in Innsbruck.

Reichtumsforschung und Vermögensverteilung

Reichtum als Forschungsfeld: Während Ursachen, Folgen und Verteilung von Armut seit Jahrzehnten Gegenstand von Studien und ganzen Uni-Instituten sind, ist der wissenschaftliche Blick auf Reichtum relativ jung. Neben Wirtschaftsforscher Matthias Sutter befasst sich im deutschsprachigen Raum der Reichtumsforscher Thomas Druyen von der privaten Sigmund-Freud-Universität in Wien mit diesem Bereich. Außerdem gibt es an der Universität Potsdam eine Forschungsstelle für Reichtums- und Vermögenssoziologie, die sich mit sozialen und kulturellen Aspekten von Reichtum befasst.

Wer hat wieviel?: Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) wies Deutschland im Jahr 2012 die höchste Ungleichverteilung von Vermögen innerhalb der Eurozone auf. Durchschnittlich besaß jeder Deutsche 83 000 Euro. Das reichste Prozent besaß knapp 800 000 Euro oder mehr. Zu den reichsten zehn Prozent gehörte man ab einem Nettovermögen von 261 000 Euro. Der Durchschnitt dieser reichsten zehn Prozent hatte ein Nettovermögen von 639 000 Euro.

Die Ärmsten: 27,6 Prozent oder mehr als jeder vierte Deutsche besaßen 2012 nichts oder hatten mehr Schulden als Vermögen. Arbeitslose hatten 2002 durchschnittlich 30 000 Euro, im Jahr 2012 durchschnittlich nur noch 18 000 Euro Vermögen. Diese Abnahme wird auf die Hartz-Reformen zurückgeführt.

Die Reichsten: Laut DIW verfügten alle Deutschen zusammen im Jahr 2012 über ein Vermögen von 7,2 Billionen Euro. Dabei besaßen die reichsten zehn Prozent 66 Prozent davon, das waren 4,8 Billionen Euro.

Geld als Motivation: Geld sei nicht der einzige Anreiz für Menschen, sagt Wirtschaftsforscher Matthias Sutter. Auch die Anerkennung von Kollegen sei wichtig und wie man wahrgenommen wird. Vielfach gehe es auch um Emotionen, darum, etwas zu beweisen, zum Beispiel bei Scheidungskriegen vor Gericht. „Geld spielt eine wichtige Rolle, aber nicht für jeden die wichtigste“, sagt Sutter.

Millionäre ticken anders:Untersuchungen zeigen, dass Unternehmer risikobereiter sind als Menschen mit anderen Berufen. „Das leuchtet ein“, sagt Matthias Sutter. „Wir sehen meist die Firmen, die Erfolg haben, es kann aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schief gehen.“ Reichtumsforscher Thomas Druyen hat in Gesprächen mit Hunderten Reichen festgestellt, dass bei vielen Millionären nicht das Ziel, reich zu werden, im Mittelpunkt stand. „Sie wollten unbedingt eine Idee umsetzen“, schreibt Druyen in einem Beitrag für Die Welt.

Auch Pleiten sind möglich: Nach einer Statistik aus den USA geht der durchschnittliche Millionär mindestens drei Mal in seinem Leben pleite. Bei den Lottomillionären haben 70 Prozent nach drei, vier Jahren ihr Geld durchgebracht. (coe) 

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