"Dass Kirche sich tiefgreifend verändern muss, ist allen klar"

Religionsoziologe Franz-Xaver Kaufmann: Strikte Hierarchie in Kirche ist ein Problem

Kassel. Mit seiner Rede im Bundestag überraschte der Papst seine Kritiker. Darüber und über den Reformdruck in der katholischen Kirche sprach Tibor Pésza mit dem renommierten Religionssoziologen Franz-Xaver Kaufmann. (Langversion)

Herr Kaufmann, der Papst hat im Bundestag gesagt, dass das Christentum an der Wiege der Aufklärung steht. Das sehen viele Kritiker ganz anders. Hat der Papst Recht?

Kaufmann: Es stimmt natürlich, dass die Kirche sich zunächst einmal als antimodernistische Kraft profiliert hat. Aber mit dem zweiten vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren hat die Kirche weitgehend ihren Frieden mit der Aufklärung gemacht. Sie gehört heute zu den entschiedenen Verfechtern eines Menschenbildes, das eben nicht in den Positivitäten unserer Wirtschaft und unserer Naturwissenschaften aufgeht - also im reinen Funktionieren des Menschen, wie Benedikt gesagt hat.

Das Sprechen von Gott und das Nachdenken über ihn, wie der Papst es getan hat, ist bei uns offenbar ziemlich außer Mode gekommen. Warum?

Kaufmann: Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so ist. Wenn man ein bisschen tiefer bohrt, ist man immer wieder überrascht, dass man auch bei Menschen, die man gar nicht als religiös musikalisch angesehen hat, oft eine große Nachdenklichkeit findet. Der Papst hat sehr schön gesagt: "Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst."

Gleichwohl empfinden offenbar immer weniger Menschen die Kirche als Heimat für ihre Religiosität. Wie konnte es dazu kommen?

Kaufmann: Das ist der große Prozess der Säkularisierung. Er kommt letztlich von dem starken Gedanken her, dass sich der Mensch selbst bestimmen könne. Von daher ergibt sich die Frage: Brauchen wir dann noch einen Gott? Niemand hat das deutlicher gesagt als der Philosoph Immanuel Kant: Vom Denken her kommen wir nicht an Gott heran.

Kann hier eine absolutistisch verfasste Kirche Hoffnung machen, in der Frauen nicht gleichberechtigt sind und deren Strukturen Missbrauch und blinden Gehorsam begünstigten?

Kaufmann: Dass die Kirche sich tiefgreifend verändern muss, ist glaube ich fast allen Katholiken klar, die sich bewusst mit ihrem Glauben auseinandersetzen. Die Kirche entwickelt sich aber sehr langsam. Ihr großes Problem ist derzeit, dass sie im Zwiespalt steht zwischen dem zweiten vatikanischen Konzil und ihrer Tradition. Ich meine, dass erst mit dem Konzil die Grundlagen einer Neuorientierung der Kirche in der Welt geschaffen worden sind. Das ist aber in der vatikanischen Praxis noch wenig durchgedrungen.

Zum Beispiel?

Kaufmann: Grundlegend ist der Gedanke der Anerkennung menschlicher Freiheit. Aber der freie Mensch ist von Gott her bestimmt, über sich hinaus zu wachsen und nicht sich in sich selbst zu verkrümmen. Griechische Kirchenväter haben das in den Gedanken gefasst: "Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch vergöttlicht werde."

Also muss auch die Kirche nach den Worten des Papstes das Fenster aufreißen?

Kaufmann: Genau.

Glauben Sie, dass Benedikt die Kirche erneuern kann?

Kaufmann: Was die kulturelle Präsenz des Christentums angeht, wird dieser Papst mehr bewirken können, als seine Vorgänger, sonst erwarte ich von ihm keine größeren Veränderungen. Er hat wenig Sinn für praktische Zusammenhänge. Wahrscheinlich hat er auch Schwierigkeiten, sich im Vatikan durchzusetzen. Die Anordnung des Papstes, dass die Kirche bei der Aufklärung von Fällen sexuellen Missbrauchs nun mit dem Staat zusammenarbeiten muss, wird sehr unterschätzt. Das ist gegen alle Instinkte des Vatikans. Es ist aber ein wichtiger schritt zur Öffnung der Kirche.

Welche Reformen halten Sie für nötig?

Kaufmann: Den wesentlichen Reformbedarf sehe ich beim Abbau dieser zentralistischen, monokratischen Form der Kirche, die alles von oben nach unten dirigieren will und irrigerweise meint, dadurch könne sie den Glauben retten. Wir brauchen stärker wieder synodale Strukturen, wie sie die Kirche früher gehabt hat. Der rechtliche Unterschied von Priestern und Laien muss eingeebnet werden. Wir sind an den Grenzen der Klerikerkirche angekommen.

Derweil gehen den Gemeinden die Priester aus, und viele Christen verlassen die Kirche, weil sie der Institution nicht mehr vertrauen. Wo liegen da noch Chancen für die Kirche?

Kaufmann: Früher blieb man selbstverständlich in seiner Kirche. Die Milieus, die diese Selbstverständlichkeit trugen, haben sich tiefgreifend verändert. Die Alltäglichkeit des Glaubens ist weg. Wer heute gläubig sein will, muss eine Anstrengung unternehmen. Der Theologe Karl Rahner hat einmal gesagt: "Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat".Unter Mystiker darf man sich nicht etwas allzu Hohes vorstellen. Es geht eben darum, ob man die Erfahrung gemacht hat, dass man angesprochen wird, dass man jemanden ansprechen kann, den wir Gott nennen können.

Zur Person Franz-Xaver Kaufmann (79)

Religionssoziologe Franz-Xaver Kaufmann.  

Der gebürtige Züricher Prof. Dr. Franz-Xaver Kaufmann (79) verbrachte seine ersten Gymnasialjahre auf einem Benediktinerkolleg und wurde nach Studien in Zürich, St. Gallen und Paris 1969 Professor für Sozialpolitik und Soziologie an der Universität Bielefeld. Vielfach ausgezeichnet und seit 1997 emeritiert, hat Kaufmann neben einer Reihe anderer Schriften vor allem zur Religionssoziologie publiziert (u.a. "Kirchenkrise"). Kaufmann, der heute in Bonn lebt, ist verheiratet, hat zwei Söhne und vier Enkelkinder.

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