Interview mit Finanzexperte Tenhagen

„Rente sichert nur das Überleben“ - Wie junge Menschen Altersarmut verhindern können

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Altersarmut: Was junge Menschen zwischen 20 und 30 jetzt tun können, um sie zu verhindern, darüber spricht Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen im Interview.

Im Interview beantwortet der Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen einige Fragen zu Themen der Altersvorsorge. Er erläutert, was junge Menschen zwischen 20 und 30 dafür tun können.

  • Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur vom Online-Ratgeber "Finanztip", über Themen der Altersvorsorge
  • Was können junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren für ihre Altersvorsorge tun?
  • Möglichkeiten der Altersvorsorge: Aktien, spezielle ETFs, Riester- oder Betriebsrente

Die Angst vor Altersarmut beschäftigt viele Menschen. Laut einer Studie der Deutschen Bank glauben viele Deutsche, dass die gesetzliche Rente nur für eine Grundversorgung reichen wird. Eine private Vorsorge können sich viele jedoch nicht leisten.

Vor allem junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren verdrängen das Thema Rente. Welche Möglichkeiten diese Altersgruppe hat, um ihren Lebensstandard im Alter halten zu können, weiß Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen.

Herr Tenhagen, warum verdrängen viele junge Menschen das Thema Altersvorsorge?

Weil es weit weg und damit total abstrakt ist. Das Auto, das ich mir jetzt kaufe und der Urlaub, den ich auf den Kanaren mache, sind konkret. Das Versprechen, dass ich mir in 40 Jahren anstatt des Tütenbrots von Aldi auch ein Croissant vom Bäcker kaufen kann, ist dagegen sehr abstrakt.

Man muss sich zwingen, sich damit zu beschäftigen. Und es ist gut, in der Familie und im Umfeld zu schauen – wie machen es die Leute, denen es ökonomisch gut geht?

Wie kann man als junger Mensch für das Alter vorsorgen?

Hermann-Josef Tenhagen: Chefredakteur vom Online-Ratgeber "Finanztip".

Indem man sich erst mal einen Job sucht, der gut bezahlt wird. Das ist wichtig, weil das gesetzliche Rentensystem so funktioniert, dass man nur eine ordentliche Rente vom Staat bekommt, wenn man als Erwerbstätiger viel einzahlt. Wer wenig einzahlt, dessen Rente fällt entsprechend niedriger aus. Die gesetzliche Rente sichert nur das Überleben im Alter – nicht den Lebensstandard.

Welche Möglichkeiten der privaten Altersvorsorge gibt es denn – je nachdem wie risikofreudig jemand ist?

In den vierzig Jahren, die junge Menschen bis zur Rente noch vor sich haben, kann sich die Welt sehr verändern. Dieses Risiko ist auch der Grund, weshalb man gleichzeitig in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen und privat vorsorgen sollte. Wer langfristig planen will – über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren – und einen Teil seines Gehalts entbehren kann, sollte das Geld in ETFs packen.

Das sind Fonds, die die Wertentwicklung bekannter Börsenindizes abbilden. Am besten nimmt man einen Fonds, der den internationalen Aktienindex MSCI World abbildet, und nicht nur den Dax. Oder aber man investiert in eine Immobilie. Dabei muss man jedoch bedenken, dass sie auch noch Geld frisst, wenn sie abbezahlt ist. Zum Beispiel, wenn die Heizung kaputtgeht.

Was ist der Vorteil von ETF-Fonds?

Sie haben den Vorteil, dass sie sich im Gegensatz zu anderen Aktienkäufen auch für Menschen eignen, die sich auf dem Kapitalmarkt nicht auskennen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Aktien zu verkaufen?

Dann, wenn ich das Geld brauche. Der Zeitpunkt ergibt sich aus Notwendigkeiten. Auf Timing-Fragen gibt es keine vernünftigen Antworten. Man sollte immer vom Ende her denken: Was habe ich jetzt und was brauche ich später? Aktien nur für zwei Jahre zu kaufen, ist Zockerei und keine klassische Geldanlage, denn das kann auch schiefgehen.

Aktien bewegen sich wellenförmig und man weiß nie was als Nächstes kommt. Historisch gesehen, hat man aber über 15 Jahre mit solchen Indizes keinen Verlust gemacht. Im Schnitt hat man mit einem ETF auf einen marktbreiten Index rund sieben Prozent Gewinn gemacht. Die besten 15 Jahren brachten 13 Prozent im Jahr, die schlechtesten nur ein Prozent.

Wie sieht es mit Riester-Rente oder Betriebsrente aus?

Riester eignet sich für Menschen, die auch mal ihren Arbeitgeber wechseln wollen oder müssen und Kinder haben (wollen). Eine betriebliche Altersvorsorge ist dann sinnvoll, wenn sie schon früh anfangen, ordentlich zu verdienen.

Außerdem, wenn sie beabsichtigen, in dem Unternehmen, bei dem sie gerade arbeiten, noch längere Zeit zu bleiben. Denn es ist schwierig, bei einem Wechsel des Arbeitgebers eine betriebliche Altersvorsorge mitzunehmen. Im Zweifel kann man auch beides machen – Riester-Rente und Betriebsrente.

Welche Summe sollten junge Menschen monatlich in ihre private Altersvorsorge investieren? 50 Euro? 200 Euro?

So viel wie möglich und es dürfen ruhig zehn bis 15 Prozent vom Nettogehalt sein. Also eher 200 Euro. Aber man sollte sich nicht entmutigen lassen, wenn es nur für die 50 Euro reicht, weil man ja auch noch leben muss.

Ändert die für 2021 geplante Grundrente etwas?

Sie ist vor allem für Menschen da, die lange gearbeitet haben, aber unterdurchschnittlich verdient haben. Mit der Grundrente bekommen Wenigverdiener im Alter etwas Geld obendrauf.

Was können Frauen, die wegen Kindern zu Hause bleiben, tun?

Mehrere Jahre zu Hause zu bleiben, ist keine gute Idee. Ein Jahr ist okay, aber länger geht aus ökonomischen Gründen eigentlich nicht. Denn um in die gesetzliche Rentenkasse einzuzahlen, muss man Geld verdienen. Nur zur Not kann man auch nachträglich nochBeiträge in die gesetzliche Rente einzahlen, um Lücken zu schließen.

Bei einer Riester-Rente kann man zwar ohne Job weiterhin den Mindestbeitrag von 60 Euro einzahlen, aber das ist viel zu wenig, um den Lebensstandard im Alter halten zu können.

Zur Person: Hermann-Josef Tenhagen

Hermann-Josef Tenhagen (56) ist Chefredakteur des gemeinnützigen Online-Verbraucher-Ratgebers „Finanztip“. Der Wirtschaftsjournalist war 15 Jahre Chefredakteur bei der Zeitschrift Finanztest und davor unter anderem Nachrichtenchef der Badischen Zeitung und stellvertretender Chefredakteur bei der taz. Er studierte Politik, Volkswirtschaft, Pädagogik und Literaturwissenschaften. Bei Spiegel Online schreibt der Vater von drei Kindern wöchentlich eine Kolumne über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

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