Junge Union zum Rentenalter: Arbeiten bis zum Umfallen?

Der JU-Vorsitzende Paul Ziemiak heizt die Debatte um die Rente kräftig an: Wenn die Menschen immer älter werden, müssen sie auch länger arbeiten, sagt der 30-Jährige.

Gegen den Strich der - oft überalterten - Mutterparteien zu bürsten, gehört quasi zu den Aufgaben ihrer Jugendorganisationen. Dass sie dabei ihre eigene Zukunft im Auge haben, ist nur verständlich. Dazu passt auch der jüngste Vorschlag des JU-Vorsitzenden Paul Ziemiak zur Erhöhung des Renteneintrittsalters. Fragen und Antworten zum Thema.

Was genau schlägt Paul Ziemiak vor?

Er will das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln, und zwar nach Zehn-Jahres-Rhythmen gestaffelt. Wenn also zum Beispiel die zwischen 1980 und 1990 Geborenen eine statistisch um 2,5 Jahre (30 Monate) höhere Lebenserwartung haben als die in der Dekade davor geborenen Menschen, soll ihr Renteneintrittsalter um ein Viertel davon, also 7,5 Monate, erhöht werden.

Wie begründet er diese Forderung?

Er will damit Altersarmut vermeiden: „Denn wir haben immer weniger Beitragszahler bei immer längerer Lebensdauer“, sagt Ziemiak. Wenn man nichts ändere, würden Rentner in 30 bis 40 Jahren vielleicht nur noch 30 Prozent ihres vorherigen Durchschnittseinkommens erreichen. „Davon werden sie nicht leben können.“ Auch die private Vorsorge werde aufgrund der niedrigen Zinsen nicht ausreichen.

Aber Ziemiak hat nicht nur die Rente im Auge, er fordert mit diesem Vorschlag auch, dass die Union sich so mit mehr eigenen Themen von der SPD absetzt.

Aber ist das nicht eine Provokation? Alte immer länger an die Werkbank?

Der Vizevorsitzende der Linksfraktion, Jan Korte, sieht es offensichtlich so: „Schuften bis zum Tod“ nennt der auch erst 38-Jährige das. Wer Altersarmut verhindern wolle, müsse den Mindestlohn erhöhen und eine Rentenversicherung für alle schaffen, also auch für Beamte und Selbstständige.

Wie hoch ist das Verhältnis der Rente zum Durchschnittseinkommen jetzt?

Im Oktober 2015 lag es bei 47,5 Prozent. 2004 hatte die Bundesregierung die gesetzlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Rentenniveau im Jahr 2020 auf 46 Prozent und 2030 auf 43 Prozent absinkt. Im Gegenzug sollen die Beschäftigten ihre private Vorsorge aufbauen bzw. verstärken. Erst wenn die genannten Grenzen unterschritten werden, soll der Gesetzgeber eingreifen.

Was heißt das konkret für künftige Rentner?

Der VdK hat folgendes Rechenbeispiel dazu veröffentlicht: Ein Beschäftigter ging 2012 nach 45 Jahren mit 65 in Rente und bekam 1000 Euro Rente. Ein Beschäftigter, der 2030 mit 67 in Rente geht, erhält bei gleichen Beiträgen nur 865 Euro - trotz längerer Lebensarbeitszeit.

? Wie hat die CDU auf diesen Vorschlag reagiert?

!Die Seniorenunion war sehr zurückhaltend, weil man die Entwicklung noch nicht genau absehen könne, auch aufgrund der Zuwanderung. Die Parteiführung sprach lediglich von einem wichtigen Thema, ohne eine Bewertung.

Die Regierung hat schon einiges getan in Sachen Rente, etwa die Mütterrente auf Drängen der Union und die von der SPD beförderte abschlagsfreie Rente ab 63. Jetzt soll auch noch eine Lebensleistungsrente kommen, deren Mehrkosten laut Koalitionsvertrag der Steuerzahler tragen soll. Ist das nichts, um Altersarmut zu verhindern?

!Im Prinzip schon, aber es löst natürlich nicht die Probleme, die durch die demographischen Faktoren entstehen. Der Vorsitzende des Verbandes der jungen Unternehmer, Hubertus Porschen, etwa sagte gestern, Union und SPD bedienten lediglich ihre - älteren - Wähler. Für die Jungen werde die private Altersvorsorge durch die Niedrigzinspolitik erschwert.

Das spricht für längeres Arbeiten

•Obwohl der Regel-Rentenbeginn seit 2012 bereits schrittweise auf 67 Jahre angehoben wird, werden aufgrund der demographischen Entwicklung immer weniger jüngere Menschen für die Rente von immer mehr Älteren aufkommen müssen. Hinzu kommt, dass die Lebenserwartung kontinuierlich steigt, Menschen also immer länger Rente beziehen. Darauf muss der Gesetzgeber reagieren, um zu verhindern, dass die Rentenbeiträge für die Jungen nicht überproportional steigen, während das Rentenniveau gleichzeitig sinkt.

• Immer mehr Menschen möchten ohnehin noch über das Rentenalter hinaus arbeiten, weil sie sich fit genug fühlen - oder weil sie auf das Geld angewiesen sind.

• Der Fachkräftemangel, der ebenfalls eine Folge des demographischen Wandels ist, spricht dagegen, auf ältere Arbeitnehmer und ihre Erfahrungen zu verzichten.

• Auch wenn dies eher nur eine Folge längeren Arbeitens wäre: Ältere Menschen zu beschäftigen, bedeutete für Unternehmen zwangsläufig, gesundheitsunterstützende Angebote machen, die letztlich allen Beschäftigten zugute kämen.

Das spricht gegen längeres Arbeiten

• Eine weitere Anhebung des Rentenalters belastet vor allem Menschen, die mit 67 Jahren aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können. Frühzeitig in Rente zu gehen, ist mit Abschlägen verbunden, die immer heftiger zu Buche schlagen, da das Rentenniveau sinkt. Insofern ist die längere Arbeitszeit ein Sparprogramm zu Lasten schwächerer Menschen.

• Ein einheitliches Renteneintrittsalter ist gerade für diese Menschen zu starr. Es muss zunächst flexible Modelle zum Renteneintritt geben oder zum Beispiel die vom Deutschen Gewerkschaftsbund vorgeschlagene Teilrente mit attraktiven Hinzuverdienstmöglichkeiten.

• Länger arbeiten, länger privat vorsorgen? Die private Vorsorge ist für viele Arbeitnehmer nicht nur eine zusätzliche Belastung. Da sie wenige bis gar keine Zinsen abwirft, bringt sie auch nicht annähernd die Sicherheit im Alter, die man sich davon erhofft.

•Technologische Entwicklung und Arbeitsverdichtung machen vielen älteren Menschen Probleme Schritt zu halten, zumal altersgerechte Arbeitsbedingungen nicht die Regel sind. Wenn sie es nicht schaffen, bis zur Altersgrenze zu arbeiten, müssen sie mit Einbußen rechnen.

Rubriklistenbild: © dpa

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