An das BRK

DDR verkaufte Häftlings-Blut nach Bayern

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Die DDR hat laut "Report Mainz" in den 80er Jahren Häftlinge zu Blutspenden gezwungen, um das Blut in den Westen an das Bayerische Rote Kreuz zu verkaufen.

Mainz - Die DDR hat wohl in den 80er Jahren aus Geldnot Häftlinge zu Blutspenden gezwungen. Deren Blut wurde in den Westen an das Bayerische Rote Kreuz verkauft.

In ihrem verzweifelten Versuch, Devisen zu erwirtschaften, hat die marode DDR Mitte der 1980er Jahre sogar Häftlinge zu Blutspenden gezwungen, um das Blut gewinnbringend in den Westen zu verkaufen.  Das berichtet das ARD-Politikmagazin "Report Mainz"  (Dienstag, 21.45 Uhr im Ersten) unter Berufung auf eine bislang unveröffentlichte Studie der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) mit dem Titel "Knastware für den Klassenfeind. Häftlingsarbeit in der DDR, der Ost-West-Handel und die Staatssicherheit (1970-1989)", die "Report Mainz" vorliegt. Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) kaufte damals das Blut über einen Schweizer Zwischenhändler ein.

Ost-Produkte, die die DDR überlebten

Schönstes Beispiel eines Produkts, das die DDR überlebt hat, ist der Sekt mit der roten Aluminiumkappe. „Rotkäppchen“ aus der VEB Sektkellerei Freyburg war die bekannteste Sektmarke der DDR. Inzwischen steht das süffige Getränk in fast jedem Supermarkt. 90 Millionen Flaschen wurden letztes Jahr ausgeliefert. Rotkäppchen-Sekt hat es geschafft, sich als Kultmarke zu etablieren. © Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH
Auch das alte DDR-Waschmittel Spee hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. Es kommt aus dem 1921 von Henkel gegründeten Werk Genthin (Sachsen-Anhalt), das 1945 enteignet und 1990 von der Treuhand zurückgekauft wurde. Seit über zehn Jahren ist Spee in ganz Deutschland auf dem Markt und durch die Werbekampagne mit dem Preisfuchs („Die schlaue Art zu waschen“) auch hinlänglich bekannt. © Henkel
Das Spülmittel fit ist nach eigenen Angaben heute Marktführer bei Handspülmitteln im Osten. Die im sächsischen Hirschfelde angesiedelte Firma kaufte die westdeutschen Marken Rei in der Tube, Sanso und Kuschelweich. Sie hat heute 110 Mitarbeiter und will jetzt „Schritt für Schritt“ auch in die westdeutschen Supermärkte. © fit
Der Bautz’ner Senf gehört schon seit Jahren zu Develey in Unterhaching. Er wird allerdings immer noch im sächsischen Bautzen produziert. © Develey
Der Spreewald war schon zu DDR-Zeiten die Gemüsekammer des Ostens. Vor allem Gurken wachsen hier ohne Ende und werden auf spezielle Weise eingelegt. Allmählich wandern auch sie gen Westen. © Spreewaldhof
Schokolade gehörte mangels Kakao nicht unbedingt zu den geschmacklichen Highlights der DDR. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Halloren-Kugeln gingen immer. Sie stammen, wie der Name sagt, aus Halle und sind dort seit über 200 Jahren bekannt. In der frühen DDR-Zeit als eine Art Praline für Arme kreiert, zeigten die Halloren-Kugeln nach der Wende ein neues Potenzial. Neben dem Klassiker mit schwarz-weißem Innenleben gibt es inzwischen verschiedenste Variationen. © Halloren
Burger Knäckebrot stammt aus Burg bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt und war einst die erste Knäckebrot-Fabrik in Deutschland. Noch heute ist das Knäcke die Nummer 1 in Ostdeutschland. Seit 2001 gehört das Unternehmen zur Firma Brandt. © dpa
1946 gründete der Bäcker Oskar Kompa in der Kleinstadt Apolda in Thüringen einen Handwerksbetrieb, der später das einzigartige „im Waffeleisen gebackene Kusperbrot“ unter dem Namen Filinchen zum Kult machte. Der Name ist eine liebevolle Erinnerung an den Kosenamen seiner Jugendfreundin. © dpa
Erdbeermäulchen von Frischli sind inzwischen weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus bekannt und haben weitere Werke zum Beispiel in Bayern. © dpa
Grabower Küsschen sind heute weit bekannt und waren früher aber nicht das einzige Produkt der Firma. 1951 wurde die Firma zu Volkseigentum und stellte vor allem Schaumküsse und Gebäck her. © dpa
Die Halberstädter Würstchen- und Konservenvertriebs GmbH ist für ihre Brühwürste und Konserven noch heute bekannt. © dpa
Im Nu Malzkaffee stammt von der Röstfein Kaffee GmbH aus Magdeburg und war in der DDR ein beliebtes Heißgetränk. © dpa
Der beliebteste Kaffee in Ostdeutschland war allerdings der Rondo Melange. Röstfein hatte neben der Rösterei in Magdeburg zu DDR-Zeiten noch sechs weitere Standorte. © dpa
Köstritzer Schwarzbier stammt aus Bad Köstritz bei Gera in Thüringen. Das Unternehmen ist heute Marktführer in der Schwarzbierbrauerei. In der DDR war Köstritzer eines der wenigen Exportbierunternehmen. Heute gehört die Marke zu 100 Prozent zu Bitburger. © dpa
Dederon Mininetze sind auch 20 Jahre nach Ende der DDR noch bekannt und verbreitet. Inzwischen kann man sie für acht Euro in In-Läden kaufen. © dpa
Nudossi ist für viele das „Ost-Nutella“. Noch heute versüßt es vor allem ostdeutsche Frühstücksbrötchen und hat sogar deutlich mehr Haselnüsse als Nutella. © dpa
„Teigwaren Riesa“ ist seit zehn Jahren Marktführer in Ostdeutschland. Zu DDR-Zeiten war das Unternehmen der größte Nudel-Hersteller. Dank eines schwäbischen Investors findet man die Nudeln auch in Westdeutschland. © dpa
„Nun liebe Kinder gebt fein acht, ich hab euch etwas mitgebracht.“ - diese Wendung kennt wohl jeder. 1959 flimmerte das Sandmännchen erstmals über die Fernsehschirme in Ostdeutschland. Bis 1990 gab es drei Versionen der Gutenacht-Sendung im geteilten Deutschland. Das DDR-Sandmännchen wurde eingestellt. © dpa
Die Schlager Süßtafel gilt als Paradebeispiel für das Industriedesign der DDR. Die Bezeichnung „Süßtafel“ erlaubte den Verzicht auf Kakaoanteile. Seit 2000 gibt es die Schlager Süßtafel mit veränderter Rezeptur wieder. © dpa
Beliebte Backmischung für Eierkuchen: Komet Eierkuchenmehl. Die gibt‘s heute noch. © dpa
"Brauselimonade mit Frucht- und Kräutergeschmack" lautete 1954 das Patent für Vita-Cola. In Ostdeutschland kaufen heute mehr Menschen Vita-Cola als Pepsi. © dpa

Aus Stasi-Akten geht hervor, dass Gefangenen der Haftanstalt Waldheim Blutspenden abgenommen wurden. Erstmals bestätigte im Interview mit "Report Mainz" jetzt der damalige Vize-Chef des DDR-Bezirksinstituts für Blutspende- und Transfusionswesen Erfurt, Dr. Rudolf Uhlig, dass seine Mitarbeiter auch Gefangenen der Haftanstalt Gräfentonna Blutspenden abgenommen haben: "Wir haben dort Blutspendetermine durchgeführt, in unregelmäßigen Abständen. Es hat sich dort sehr gelohnt, in die Anstalt zu fahren, weil jedes Mal hatten wir 60-70 Blutspender, und das war ein recht guter Erfolg." Uhlig sagte weiter: "Wir haben da nur Häftlinge abgenommen. Ich glaube nicht, dass da ein Angestellter dort Blut gespendet hat, es waren eigentlich nur Häftlinge."

Aus Stasi-Unterlagen lässt sich schließen, dass die Blutspenden der Häftlinge nicht freiwillig erfolgten. In einem Spitzel-Bericht heißt es, dass Krankenschwestern sich einmal sogar weigerten, den Gefangenen Blut abzunehmen. Ihre Begründung laut IM-Bericht: "Die armen Strafgefangenen" seien "doch sicher alle gezwungen worden (...) dies geschieht doch unter Zwang". Historiker Tobias Wunschik, der die Studie im Auftrag des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen durchgeführt hat, sagte gegenüber "Report Mainz": "Die Schwestern haben in dieser Situation also die Zwangslage der Häftlinge ganz klar erkannt. In der Besonderheit einer Haftsituation, noch dazu in einer Diktatur, kann von Freiwilligkeit natürlich nicht die Rede sein."

Das Blut verkaufte das Zentrale Exportbüro beim DDR-Ministerium für Gesundheitswesen in den Westen. "Es lag in der Logik des Systems", so Historiker Tobias Wunschik, "dass man nicht nur die Arbeitskraft der Gefangenen ausbeutete, sondern in diesem Fall auch physisch ihr Blut nahm und im Westen veräußerte." Über den Schweizer Zwischenhändler kaufte das Bayerische Rote Kreuz das Blut aus der DDR ein. Die Etiketten der Blutbeutel mit der Aufschrift "Blutspendedienst des Bayer. Roten Kreuzes" sind in den Stasi-Akten überliefert und liegen "Report Mainz" vor.

BRK bestätigt Blut-Kauf

Auf Nachfrage von "Report Mainz" gab das Bayerische Rote Kreuz zu, in den 80er Jahren Erythrozytenkonzentrate aus der damaligen DDR bezogen zu haben. "Wir bedauern, diesen von Ihnen angefragten Sachverhalt so bestätigen zu müssen", so der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Kreuzes, Leonhard Stärk. Ob man damals gewusst habe, dass das Blut von Häftlingen stamme, könne man heute nicht mehr nachvollziehen.  "Wir bedauern zutiefst", so das Bayerische Rote Kreuz, "dass es unter einer anderen Führung des BRK diese Vorkommnisse in den 80er Jahren gegeben hat. Selbstverständlich würde niemand heute Blutkonserven aus einer Diktatur zukaufen."

zr

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