Außenminister war zu Besuch in Kassel

In Kassel: Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnt vor zu einfachen Antworten

Kassel. Sage noch einer: Studenten sind nachtaktiv und politisch ungefähr so interessiert wie eine Runkelrübe im Nieselregen.

An diesem winterkalten Freitagmorgen, kurz nach acht Uhr, ist alles anders. Vor dem Hörsaal eins, dem größten der Kasseler Universität, stehen sie jetzt, eine Stunde vor Beginn, in langer Schlange. Taschenkontrollen, Polizeiautos, erwartungsvolle Stimmung.

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Als Frank-Walter Steinmeier den Saal betritt, mit Sicherheitsleuten, mit dem Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen und dem Politik-Professor Wolfgang Schroeder, da sind die etwa 640 Plätze längst bis auf den letzten besetzt. Im Hörsaal 3 oben drüber sollen nochmal 300 Leute sitzen: Videoübertragung.

Es ist ein Heimspiel für Steinmeier. Er weiß und genießt das. Warmer Applaus erhebt sich, kaum dass ihn die ersten erspähen. Nordhessen, das ist SPD-Land. Manch hiesige Sozialdemokraten sind da, auch der einstige Bundesfinanzminister Hans Eichel. Sie mögen Steinmeiers pragmatischen Kurs, sind stolz auf ihn. Er ist mit Abstand der beliebteste deutsche Politiker.

„Ich kann mich an keine einzige Periode erinnern, in der wir eine solche Vielzahl von Konflikten und Krisen hatten.“

Politik-Prof. Schroeder hat ihn hergeholt. Der Draht ist kurz: Schroeder ist Sozialdemokrat und Gewerkschafter. Er war mal Staatssekretär in Brandenburg, sitzt in der Grundwertekommission der SPD. Das hier ist sein Politik-Seminar. Nur mit mehr Studenten als sonst. Viel mehr.

Steinmeier sagt: „Ich kann mich an keine einzige Periode erinnern, in der wir eine solche Vielzahl von Konflikten und Krisen hatten, die auf uns einstürmen. Warum ist das so?“ Er erinnnert an den Kalten Krieg mit seiner festgefügten Ordnung zwischen Ost und West. Die Hoffnung auf eine bessere Welt nach 1990. „Wir waren die Nutznießer!“ Doch statt einer neuen Ordnung ist die Welt in eine Suchbewegung geraten, nach Einfluss, Vorherrschaft. Und das, obwohl lange schon niemand mehr mit Krieg gerechnet habe. Einer brüllt von ganz oben: „Sie führen doch selber Krieg!“ Der Saal stöhnt. Steinmeier sagt: „Darüber können wir später reden.“

Europa - Steinmeier nennt es ein „Krisengebräu“. Die Austrittsdrohung der Briten, Griechenland ohne Ende. Die Flüchtlingskrise. Wer aber glaube, diese Krisen mit einfachen Antworten lösen zu können, der irre. Beispiel Syrien, eben erst war Steinmeier noch auf der Krisenkonferenz in München. Von Anfang an, sagt der Minister, war Syrien Schlachtfeld mächtiger Nachbarn. Iran und Saudi-Arabien ringen um die Vorherrschaft in der islamischen Welt. Die Tatsache, dass Türken, Russen, Amerikaner, Golfstaaten und manche andere noch Interessen in der Region haben, macht die Sache extrem schwierig.

Aber warum wir? Was haben wir damit zu tun? Warum ist Steinmeier in den Iran und nach Saudi-Arabien gereist, obwohl dort Menschenrechte in Serie gebrochen werden? Steinmeier sagt: Weil Außenpolitik sich in dieser eng verbundenen Welt nicht in Meinungsbekundungen erschöpfen sollte, sondern weil sie etwas zum Besseren bewegen will. So wie in der Ukraine. So wie im Atomkonflikt mit dem Iran. Steinmeier schließt mit einem Bekenntnis: „In der Außenpolitik gibt es nie eine ausweglose Situation.“

Steinmeier ist fertig. Man sieht, wie er sich auf die Diskussion mit den Studenten freut. Eine Frage lang geht das gut. Dann ertönt ein ohrenbetäubender Feueralarm. Mutwillig ausgelöst, wie sich später herausstellt. Steinmeier versucht noch etwas zu sagen. Keine Chance. Applaus brandet auf. Steinmeier winkt. Dann führen ihn seine Sicherheitsleute hinaus.

Steinmeiers Vortrag im Internet

Steinmeier-Zitate

• Zur Senkung der Flüchtlingszahlen: „Es gibt keine Alternative zu mühsamer Kleinarbeit.“

• Zur globalen Flüchtlingskrise: „Es sind Zeiten, die einen noch vorsichtiger machen sollten, was die einfachen Antworten angeht.“

• Über seinen Alltag als Außenminister: „Mein Alltag besteht darin, dass ich aus irgendeinem Flugzeug aussteige, ins Außenministerium oder irgendein Konferenzzentrum gefahren werde. Und das unter Neonlicht. Ich reise viel.“

• Über das derzeit große Interesse an Außenpolitik: „Das ist meistens kein gutes Zeichen für den Zustand der Welt.“

Frank-Walter Steinmeier zu Besuch in Kassel

Zur Person:

Mein Leben hätte auch anders verlaufen können, ruhiger, wissenschaftlicher. So sagte es Frank-Walter Steinmeier (60, SPD) am Freitag in Kassel. Tatsächlich hatte der gebürtige Detmolder, Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin, nach dem Jurastudium und Referendariat in Gießen zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet, bevor er 1991 mit einer juristischen Arbeit promoviert wurde. Schon früh zu den Jusos gestoßen, traf Steinmeier danach als Medienreferent in der Hannoveraner Staatskanzlei auf Gerhard Schröder - und seine politische Karriere trat in den Vordergrund. Er wurde Chef des Bundeskanzleramts und Außenminister von 2005 bis 2009 und wieder seit 2013. Steinmeier ist mit der Verwaltungsrichterin Elke Büdenbender verheiratet, der er 2010 eine Niere spendete. Das Paar hat eine Tochter und wohnt in Berlin.

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