Interview: Staatsanwalt Kurt Schrimm sieht Gemeinsamkeiten bei allen Tatverdächtigen in Nazi-Verfahren

„Reue habe ich bei keinem bemerkt“

Ludwigsburg. In der Bundesrepublik ist nicht alles getan worden, um die NS-Verbrechen juristisch aufzuarbeiten – und in der DDR auch nicht. Das kritisiert Kurt Schrimm, Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, im Interview.

Kann man den Gröning-Prozess als einen der letzten großen Prozesse wegen NS-Verbrechen bezeichnen?

Kurt Schrimm: Wir haben immer wieder gedacht, dass wir auf das Ende zusteuern, doch dann kamen immer neue Prozesse. Mit zunehmendem Alter von Beschuldigten und Zeugen sinkt aber die Wahrscheinlichkeit weiterer großer Verfahren.

Wie viele Ermittlungen laufen noch?

Schrimm: Das ist relativ schwierig zu sagen. Wir haben aktuell 13 offene Verfahren im Hause laufen, bei denen wir noch ermitteln. Bis Ende 2013 wurden seit Neubeurteilung der Rechtslage bundesweit 30 von zunächst 49 an die Staatsanwaltschaften abgegeben. Mehrere der Verfahren mussten jedoch wegen Verhandlungsunfähigkeit der Beschuldigten eingestellt werden. Die Abarbeitung einer Liste mit den Namen aller Aufseher im KZ Auschwitz - insgesamt mehr als 6000 - steht unmittelbar vor dem Abschluss.

Nur ein verschwindend geringer Bruchteil der nationalsozialistischen Massenmorde ist juristisch verfolgt worden. Warum?

Schrimm: Die Bezeichnung „verschwindend geringer Bruchteil“ halte ich für verfehlt. Man muss berücksichtigen, dass in den Nachkriegsjahren in den Staaten des sogenannten Ostblocks und auf dem Balkan eine große Zahl von Tätern vor Gericht gestellt wurde. Diese Zahl ist nicht genau bekannt, nach meiner Einschätzung dürften es mehrere Zehntausend gewesen sein.

In den ersten fünf Jahren zwischen 1945 und 1950 durften zudem Deutsche die NS-Verbrechen, die an nicht-deutschen Opfern begangen wurden, nicht selbst verfolgen. Dies hatten sich die Alliierten vorbehalten. Mehr als 7000 Nazi-Verbrecher wurden allein von den Westalliierten abgeurteilt. Das waren vor allem führende Köpfe.

Was ist zur juristischen Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland zu sagen?

Schrimm: Richtig ist, dass nicht alle Täter bestraft wurden. Es ist unbestritten, dass in der Bundesrepublik und auch in der DDR objektiv nicht alles getan wurde, um die Nazi-Zeit juristisch aufzuarbeiten. Außerdem wurden anfangs auch Fehler in der systematischen Erfassung gemacht, so gab es bis 1958 keine zentrale Stelle. Als diese gegründet wurde, fehlte die Anklagekompetenz. Außerdem hat in der gesamten westlichen Welt lange eine Schlussstrichmentalität geherrscht.

Was ist das Ziel Ihrer Arbeit?

Schrimm: Wir wollen eines Tages sagen können: Es gibt für uns wirklich nichts mehr zu tun, weil wir weltweit alle Quellen erschlossen haben. Vor Kurzem waren wir in Brasilien. Wir haben von dort die Namen von mehreren Hundert Männern mitgebracht, die für eine Straftat im NS-Bereich infrage kommen. Das werden wir in den nächsten Monaten nun abklären müssen.

Was verbindet die Beschuldigten in den vergangenen NS-Verfahren?

Schrimm: Ich beschäftige mich seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema. Dabei habe ich ganz wenige Tatverdächtige erlebt, die gesagt haben: Ja, ich war dabei. Ein Zeichen der Reue habe ich bei keinem Beschuldigten bemerken können. (dpa)

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