Rezension: Kanzlerin sollte Sarrazins neues Buch lesen

Wie auch immer man zu den Äußerungen des Ex-Bundesbankers Thilo Sarrazin stehen mag - eines hat der Bestseller-Autor geschafft: Sein neuestes Buch wird beschimpft, bevor es überhaupt erschienen ist.

„Europa braucht den Euro nicht“ - das ist Sarrazins Antwort auf die von Bundeskanzlerin Angela Merkel gern wiederholte Formel „Wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa.“ Der ausgebildete Ökonom Sarrazin hat als langjähriger Spitzenbeamter und Politiker tiefe Einblicke in den Maschinenraum der Bundesrepublik gehabt (siehe unten).

Umso mehr nervt er das politische Establishment in Deutschland, weil er sich eben mehr für das schlecht Gemachte an der Währungsunion interessiert als für das gut Gemeinte. Mit seinem umfassenden Ansatz und vielen einordnenden Erklärungen, die das Buch auch für Nicht-Ökonomen lesbar machen, legt Sarrazin zumindest in ökonomischer Hinsicht das Buch zur Schuldenkrise vor. Und die hat viel zu tun mit den unbewältigten Folgen der europäischen Währungsunion.

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In einer klaren, verständlichen Sprache erklärt der Autor die internationale Währungsordnung von Bretton Woods, die bis in die siebziger Jahre hielt. Er zeigt, wie es zur Währungsunion kam, welche Einschränkungen sie für die Handlungsfähigkeit der Mitgliedsstaaten bedeutet und wie Politiker die Versprechen des Anfangs brachen.

Mit vielen Details, Tabellen und Zeitreihen statistischer Daten schildert Sarrazin die Folgen der staatlichen Betrügereien Griechenlands, aber vor allem auch die verheerenden Konsequenzen der Vertragsbrüchigkeit der meisten anderen Eurozonen-Staaten.

Durchsetzt von interessanten persönlichen Erinnerungen an Spitzenbeamte, Minister und Bundesbankpräsidenten erklärt Sarrazin, warum die besten Jahre der Währungsunion vor ihrem offiziellen Beginn lagen, und wie sich ein immer größeres wirtschaftliches Gefälle zwischen den Nord- und den Südstaaten der Eurozone auftat.

Sarrazins Antwort auf Merkel ist schließlich realitätsnah genug, als dass er etwa einen Ausstieg Deutschlands aus dem Euro forderte. Im Gegenteil, er schreibt: „Man muss alles tun, was im Rahmen des Vernünftigen geboten ist, um das Überleben des Euro zu sichern, aber eben nicht um jeden Preis.“ Zu hoch wäre der Preis gemäß Sarrazin, wenn das Ergebnis eine fiskalische Gesamthaftung in der Eurozone wäre. Zu hoch wäre er auch, wenn die Bedingungen der gemeinsamen Währung die wirtschaftliche Entwicklung in den Südländern dauerhaft behindern würde. Doch genau darauf, so seine Analyse, deutet alles hin.

Der Ökonom hat seine Schuldigkeit getan. Jetzt ist die Politik am Zug. Sie täte gut daran, die Analyse Sarrazins zur Kenntnis zu nehmen, statt den Überbringer unangenehmer Botschaften mal wieder hinrichten zu lassen.

Von Tibor Pézsa

Thilo Sarrazin: Europa braucht den Euro nicht: Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat. dva, 462 Seiten, 22,99 Euro.

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