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„Rio de Janeiro ist verloren“: Wie Brasiliens Metropole in Kriminalität versinkt

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Von: Patrick Reichelt

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Alltag in Brasilien: Polizisten auf Patrouille in einem Armenviertel.
Alltag in Brasilien: Polizisten auf Patrouille in einem Armenviertel. © Carl de Souza/afp

Fast im Wochenrhythmus ist die Polizei in Rios Armenvierteln im Einsatz. Die offizielle Kriminalitätsrate spiegelt die Realität nicht wider. Der Frust bei den Sicherheitskräften steigt.

München – Vor wenigen Tagen kehrte der Tod wieder einmal nach Rio de Janeiro zurück. Die Polizei und mutmaßliche Drogenhändler lieferten sich umfangreiche Feuergefechte in einer Favela. Mindestens fünf Menschen starben. Nur mit Mühe konnten die Sicherheitskräfte eine Ausweitung der Kämpfe auf die Linha Vermelha - eine der Hauptverkehrsstraßen der Millionenmetropole – verhindern. „Solche Dinge sind schon lange Alltag in Rio“, sagt Fernando Sousa. Der 45-Jährige ist Mitglied der Kriminalpolizei von Rio de Janeiro. Er heißt eigentlich anders, aber sich öffentlich zu äußern, kann für ihn lebensgefährlich sein.

Fast im Wochenrhythmus ist die Polizei in den Armenvierteln im Einsatz. Es ist Teil einer Initiative der brasilianischen Bundesregierung, die massiv grassierende Kriminalität zumindest einzudämmen. Präsident Jair Bolsonaro vermeldete vor einigen Wochen auch Erfolge – statistisch gesehen sank die Kriminalitätsrate. Doch der Schein trügt. Es ist ein Effekt der Pandemie, während derer nicht wenige Menschen der Straße fern blieben.

Gewalt in den Favelas: Polizeieinsätze waren während Corona-Hochphase verboten

Das dicke Ende deutet sich längst an. Es hat auch mit dem hochumstrittenen obersten Gerichtshof Brasiliens zu tun, der anders als etwa das deutsche Bundesverfassungsgericht, das Leben im Land aktiv mitbestimmt. Die Richter um den eigenwilligen Alexandre de Moraes verfügten, dass Polizeieinsätze in den Favelas während der Corona-Hochphase verboten sind. Das hatte bedrohliche Folgen, wie Sousa beobachtete. Denn die wirtschaftlich bestens ausgestatteten Drogen-Organisationen nutzten die Zeit, um sich mit modernsten Waffen auszurüsten. Die Einsätze vor Ort kommen Himmelfahrtskommandos gleich. Es ist ein ungleicher Kampf, sagt Fernando Sousa: „Rio de Janeiro ist verloren.“

Paulo Bilinsky ist da nicht viel optimistischer. Der frühere Polizist aus Sao Paulo, der sich nach seinem Ausscheiden aus der Behörde in der Politik versucht, sagte: „Um diese Situation zu lösen, müsste man die Favelas wahrscheinlich sprengen und neu aufbauen.“

Und das liegt nicht einmal nur an der technischen Überlegenheit der Kriminalität. Der Sumpf der Korruption hat auch die Metropole unter dem Zuckerhut fest im Griff. Die Polizisten bekommen das bei ihren Einsätzen regelmäßig zu spüren. Denn: Missionen in den Favelas müssen bei der örtlichen Heimatschutzbehörde angemeldet und mit einem schriftlichen Einsatzbefehl bestätigt sein. Die Polizisten selbst dagegen erfahren quasi als Anti-Korruptionsmaßnahme erst kurz vor dem Start, wo man denn den Kampf aufnehmen wird. Doch: Vor Ort fanden Sousa und Kollegen schon des Öfteren den schriftlichen Einsatzbefehl vor. Der Draht zwischen Behörde und Kriminalität ist intakt.

Gewalt und Korruption: Brasiliens Polizei kennt „unmoralische Angebote“

Sousa selbst hat das schon des Öfteren zu spüren bekommen. „Unmoralische Angebote sind ganz normal“, sagte er. Bei Festnahmen von bedeutenderen Kriminellen seien schon einige Male Anwälte auf ihn zukommen und boten 20000 Reais und mehr. Knapp 4000 Euro. Das mag nicht nach viel klingen, doch das ist relativ in einem Job, der monatlich rund 1500 Euro aufs Konto bringt.

Der Polizei selbst bleibt schon nicht viel mehr, als das Personal durch umso strengere Bedingungen unter Druck zu setzen. Beamte wie Familienvater Sousa müssen funktionieren, zudem eine Verhaftungsquote erfüllen. Wer es nicht tut, muss mit Versetzung in noch schlechtere Bedingungen rechnen. Ausnahmen gibt es nicht. „Wer zum Beispiel drei Monate hinter einem Serienvergewaltiger hinterher recherchiert, der schießt sich selbst ins Knie“, sagt Sousa.

Besserung? Präsident Bolsonaro hat sich den Kampf gegen die Kriminalität auf die Fahnen geschrieben. Dass er in Rio de Janeiro zu gewinnen ist, glaubt Sousa indes nicht. Dem Kriminalpolizisten bleibt nur eine Chance: Aus dem Weg zu sein, wenn der Tod wieder nach Rio zurückkehrt.

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