Als Praktikantin getarnt

RTL-Reporterin deckt Missstände in Pflegeheimen auf: Gewalt, Hohn, Schimmel

Berlin. Investigativreporter von RTL um den Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff wollten sich für ihre TV-Reportagenreihe „Team Wallraff“ ein Bild von der Situation in Pflegeheimen machen. Was sie dort vorfanden, sprengt jede Vorstellungskraft.

Rund 2,5 Millionen pflegebedürftige Menschen gibt es in Deutschland – Tendenz steigend. Ein Drittel von ihnen ist in Altenheimen untergebracht. Der schlechte Ruf dieser Pflegeeinrichtungen ist nicht neu: Zu teuer, zu wenig Personal, zu lieblose Versorgung – so die landläufige Meinung. Investigativreporter von RTL um den Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff wollten sich für ihre TV-Reportagenreihe „Team Wallraff“ selbst ein Bild von der Situation in Pflegeheimen machen. Was sie dort vorfanden, sprengt jede Vorstellungskraft.

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Als Praktikantin hatte sich RTL-Reporterin Pia Osterhaus mit versteckter Kamera im Sankt-Josef-Heim der Münchenstift-GmbH eingeschleust. Die Einrichtung genießt einen guten Ruf, der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) bewertet das Haus mit der Note 1,0. Ein Pflegeplatz kostet dort, je nach Pflegestufe, bis zu 4000 Euro pro Monat.

Schockiert musste die Reporterin feststellen, dass zwei bis drei Pfleger für die Versorgung von rund 40 Patienten zuständig sind. Die Folge: Die Bewohner werden im Akkord versorgt. In der Reportage sieht der Zuschauer, wie eine 92 Jahre alte Bewohnerin mehrere Stunden lang in ihrem mit Urin durchnässten Bett sitzt, weil das Personal so ausgelastet ist, dass keine Zeit für die Versorgung der Dame bleibt. In Gesprächen mit Mitarbeitern erfährt Osterhaus, dass die Bewohner wegen Personalmangels teilweise nur einmal pro Woche geduscht werden. Ein anderer Bewohner weist deutliche Brillenhämatome auf. Er gab an, vom Personal geschlagen worden zu sein. Die Aufnahmen zeigen, dass einige Pflegekräfte tatsächlich Gewalt gegen Bewohner anwenden. Eine Frau, die aus dem Bett gefallen ist, wird von einer Pflegerin nicht versorgt, sondern ausgelacht, mit dem Handy gefilmt und verhöhnt. Erst dann hilft sie ihr auf.

Neben der Münchner Einrichtung arbeitete Osterhaus auch im Pflegehaus Kreuzberg, einem Berliner Pflegeheim mit sozial-integrativem Ansatz, wo auch Alkoholiker und ehemalige Obdachlose stationär behandelt werden. Dort findet Osterhaus teils verwahrloste Räume vor. In einigen Zimmern entdeckte sie Wasser- und Schimmelflecken, Fenster sind undicht. Der MDK bewertet die Einrichtung ebenfalls mit „sehr gut“.

Reaktionen in den betroffenen Heimen

Das in der „Team Wallraff“-Reportage gezeigte St.-Josef-Heim ist eines von zwölf Häusern der städtischen Münchenstift-Einrichtungen mit 1800 Mitarbeitern und 3000 Bewohnern. Die Münchner Tageszeitung „tz“ befragte den Münchenstift-Geschäftsführer Siegfried Benker zu den Missständen.

Benker sagte, das man „personelle Konsequenzen“ bei den drei gezeigten Mitarbeitern ziehen werde. Zudem habe man schon vor der Ausstrahlung des Beitrags reagiert. Die Bilder, so Benker, stammten vom September 2013. Im Dezember habe er die Hausleitung entlassen. Zum 1. Januar sei eine neue Hausleitung eingesetzt worden. Und Benker verspricht laut tz: „Zum 1. Juni stellen wir 50 neue Mitarbeiter als Präsenzkräfte ein, um die Pflege zu entlasten.“

Funktionierte die Heimaufsicht nicht? Ein Sprecher des Kreisverwaltungsreferats, das in Bayern für die Aufsicht zuständig ist, sagte der tz: „Unsere Prüfungen erfolgen zwar ohne Ankündigung, aber nicht anonym. Das dürfen wir nicht. Da kommt es natürlich vor, dass sich das Personal von seiner besten Seite zeigt. Die Prüfung erfolgt stichprobenartig und kann kein Gesamturteil über das Haus sein.“ Zu den Gewaltvorwürfen werde es umgehend „eine erneute Überprüfung geben“. Die Staatsanwaltschaft habe bereits ermittelt, das Verfahren aber im Januar eingestellt. Der Verdacht habe sich nicht erhärtet.

Die Marseille-Kliniken-AG, zu dem das Pflegehaus Kreuzberg in Berlin gehört, teilte mit, dass „nahezu alle der gezeigten Mängel längst beseitigt wurden.“ Ehemaligen Obdachlosen gestehe man ein „gewisses Recht auf Verwahrlosung“ zu, solange dies sie selbst oder andere Heimbewohner nicht beeinträchtige. Das Pflegepersonal sei jederzeit bereit, „darauf positiv einzuwirken und bewertet die Selbstbestimmung der Bewohner deutlich höher“.

Die Behauptung, Insider bei den Aufsichtsbehörden würden Kontrollen ankündigen, sei „schlichtweg falsch“.

Von Daniel Göbel und Jörg S. Carl

Rubriklistenbild: © rtl

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