Russische Top-Agentin trotz Haftstrafe vorzeitig ausgereist

+
Das russische Agentenehepaar mit den Aliasnamen Heidrun (vorn) und Andreas Anschlag im Oberlandesgericht Stuttgart. Foto: Marijan Murat

Stuttgart/Karlsruhe (dpa) - Sie übermittelten geheime Botschaften in Youtube-Kommentaren: Ein russisches Agentenpaar hatte bis zu seiner Enttarnung über Jahrzehnte in Deutschland spioniert. Nun kam die Frau vorzeitig aus dem Gefängnis frei. Gab es einen Agentenaustausch?

Einer der spektakulärsten Spionagefälle seit dem Mauerfall nimmt eine unerwartete Wendung: Die russische Top-Agentin Heidrun Anschlag, im Sommer 2013 zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, hat Deutschland vorzeitig in Richtung Heimat verlassen dürfen. Ihr Ehemann, den das Oberlandesgericht Stuttgart zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt hatte, bleibt allerdings weiter in Haft, wie eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft sagte.

Zunächst hatte "Focus" und am Samstag auch der "Spiegel" darüber berichtet. Die beiden Russen hatten rund 25 Jahre ein filmreifes Doppelleben geführt. Nach Überzeugung des Gerichts lieferten sie Hunderte Dokumente über EU und Nato an den russischen Geheimdienst SWR.

Der Generalbundesanwalt habe mit Blick auf die Ausweisung der Verurteilten von der weiteren Vollstreckung abgesehen, sagte eine Sprecherin in Karlsruhe. Paragraf 456a der Strafprozessordnung mache den Schritt möglich. Die Frau habe die Hälfte der Strafe verbüßt. Weitere Angaben machte die Sprecherin zunächst nicht.

Um freizukommen, musste Anschlag laut "Spiegel" ungefähr eine halbe Million Euro bezahlen. Das hatte das Oberlandesgericht Stuttgart ihr und ihrem Mann auferlegt. Die Summe entspricht dem geschätzten Agentenlohn der beiden, hinzu kommen Prozesskosten. In Sicherheitskreisen hieß es dem Magazinbericht zufolge, es sei "nicht anders vorstellbar", dass Moskau das Geld gegeben habe.

Laut einem früheren Bericht der Moskauer Zeitung "Kommersant" hatte die russische Führung einen Agentenaustausch angestrebt. Bis zur Festnahme hatte das Ehepaar, das österreichische Pässe als Heidrun und Andreas Anschlag ausweisen, im baden-württembergischen Balingen und im hessischen Marburg gelebt. Die wahren Identitäten der beiden kannte selbst das Gericht bis zum Urteil nicht.

Die nach Moskau übermittelten Dokumente befassten sich unter anderem mit dem Afghanistan-Einsatz und der Strukturreform der Nato. Das Duo versteckte USB-Sticks in Erdlöchern und übermittelte geheime Botschaften in Kommentaren zu Fußballervideos auf der Internetplattform Youtube. Hinweise, unter anderem aus den USA, hatten Ermittler auf ihre Fährte gebracht.

"Focus"-Bericht

Strafprozeßordnung § 456a

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.