Salzwasser: Trendwende für die Werra ist vertagt

Kassel. Zum 1. Dezember 2015 hätten erstmals Belastungsgrenzwerte für die Werra sinken sollen, wie sie zur Einleitung von K+S-Abwässern teils schon seit 1942 gelten. Das ist mit Erlaubnis des RP Kassel seit Montag vertagt.

Der nun verlängerte Chloridwert wurde im Dritten Reich festgesetzt. Warum?

Er wurde zur Aufrechterhaltung der kriegswichtigen Kaliproduktion 1942 hochgesetzt. Hitlers Reichsregierung merkte damals an, dass das „längstens für die Dauer des Krieges“ gelten und „nach Wiederkehr normaler Verhältnisse aufgehoben werden“ solle.

2500 mg Chlorid pro Liter Flusswasser noch auf Jahre - ist das eigentlich schlimm?

Es ist einerseits viel weniger als zu DDR-Zeiten mit Spitzen von 30.000 mg/l und mehr. Es ist andererseits aber weit entfernt vom guten ökologischen Zustand, den Fachleute bei etwa 100 mg/l sehen. Der schlechte Zustand beginnt danach schon bei 800 mg. Süßwassertiere und -pflanzen haben in der Werra weiter wenig bis keine Chancen. Die Werra bleibt Deutschlands salzigster Fluss. Und die Trendwende ist weiter verschoben.

Haben nicht die Landtage in Thüringen und Hessen fraktionsübergreifend schon vor Jahren gefordert, die Grenzwerte für Chlorid, Kalium und Magnesium endlich zu senken?

Doch, haben sie. Und der Parteirat der Grünen in Hessen - zum Beispiel - warnte 2007: „Dieser Grenzwert ist unter ökologischen Gesichtpunkten für einen Mittelgebirgsfluss eine Katastrophe.“ Auch der RP hat ja 2012 begründet, warum er die jetzt kassierte Regelung sinnvoll und zumutbar fand.

Und nun gilt das alles nicht mehr?

Die Politik hat inzwischen eine entscheidende Wende gemacht - unter Federführung der Umweltministerin in Wiesbaden, Priska Hinz (Grüne): Nordseepipeline-Pläne wurden im Herbst 2014 beerdigt zugunsten einer Langfrist-Vereinbarung zwischen Land und K+S. Statt eines Rohrs oder ganz anderer Produktions- und Abfalltechnik, wie sie die Werra-Weser-Anrainer fordern, sollen Werra und Weser auf unabsehbare Zeit die Abwasserleitung der Kaliwerke zum Meer bleiben. Und wenn die irgendwann dichtgemacht werden, die Abwasserleitung der Kaliabfallhalden. Von denen kommen ja noch Hunderte Jahre Salzfluten mit jedem Regenguss.

Dass die alten Grenzwerte bleiben dürfen, sagte die Ministerin schon 2014. Und jetzt?

Jetzt hat sich der Kasseler K+S-Konzern das auch bei der Genehmigungsbehörde korrigieren lassen. Und zugleich dafür gesorgt, dass auch die Einleitmengen für die Werra nicht schrumpfen.

Was haben die Grenzwerte mit Einleitmengen zu tun?

Die Grenzwerte markieren Mindestverdünnungen im Fluss. Sie beschränken so auch die Menge dessen, was eingeleitet werden darf: Bei mittlerer Wasserführung ging der RP zuletzt noch von 3,8 Mio. Kubikmetern Salzabwasser pro Jahr aus, die in die Werra dürften. Würden die Grenzwerte für Chlorid, Kalium und Magnesium wie 2012 geplant heute gesenkt, wären es nur noch 3,5 Mio. Kubikmeter.

Und die Katastrophen-Warnung des Grünen-Parteirats von 2007?

Lange her. In der Regierung blicken Hessens Grüne inzwischen viel schärfer auf den zweiten Entsorgungsweg, die Abwasserversenkung in tiefe Erdschichten. Die ist juristisch deutlich heikler. Klar, Europas Flüsse sollen sauberer werden, möglichst naturnah sogar. Der Schutz des Grund- und Trinkwassers aber, um den es bei der Versenkung und allen Bemühungen geht, sie zu stoppen, ist gesetzlich viel schärfer als der für Oberflächengewässer. Nicht umsonst geht es bei staatsanwaltlichen Ermittlungen in Hessen und Thüringen um die Abwasserversenkung, nicht um die Einleitung in die Werra.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.