Bleibt Großbritannien in der EU?

Schicksalstag: Heute stimmen die Briten über den Brexit ab

Am heutigen Donnerstag stimmen die Briten über die Mitgliedschaft in der EU ab und beide Kampagnen versuchten bis zuletzt, die Unentschlossenen zu überzeugen.

Feiert Großbritannien künftig den 23. Juni als „Unabhängigkeitstag“, wie der führende Brexit-Befürworter Boris Johnson meint? Oder entscheidet sich das Land für den Status Quo, bleibt „wirtschaftlich gut gestellt und sicherer“, wie Premierminister David Cameron verspricht?

Heute stimmen die Briten über die Zukunft ihres Landes und Europas ab. In der EU bleiben oder austreten – das Referendum gilt als Schicksalswahl. Bis zuletzt prophezeiten die Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Brexit-Lager und jenen, die sich für den Verbleib einsetzen. Also mobilisierten beide Seiten nochmals alle Kräfte und kämpften wenige Stunden vor der historischen Abstimmung um die Unentschlossenen.

Ab 16 Uhr berichten wir auf HNA.de im Liveticker von dem Brexit-Referendum.

Mit altbekannten Botschaften, gewohnt provokativen Attacken und gegenseitigen Anschuldigungen reisten sie durch ein in der EU-Frage tief gespaltenes Land. Aktuelle und ehemalige Politiker, Unternehmensbosse, Verbandsvertreter sowie tausende Aktivisten warnten abermals vor dem wirtschaftlichen Niedergang des Königreichs, sollte es zu einem Brexit kommen. Es war ihr schlagendstes Argument, das ihnen jedoch den Vorwurf der „Angstmacherei“ einbrachte.

Ohnehin sprach die Leave-Kampagne auch renommierten Ökonomen einfach kurzerhand ihre Kompetenz ab. So erntete der Justizminister Michael Gove gestern scharfe Kritik von Cameron, weil dieser versuchte, pro-europäische Wirtschaftsexperten mit einem Nazi-Vergleich zu diskreditieren. „Er ist völlig durchgedreht“, sagte der Premier über seinen konservativen Parteikollegen.

Die Botschaft der Austrittsbefürworter triefte dagegen abermals vor Patriotismus: „Lasst uns unsere Kontrolle zurückholen“, lautete der Tenor. Über das Geld, das nach Brüssel fließt. Über die Grenzen, die für Einwanderer zu durchlässig seien. Über die Gesetze und Regularien, über die man bei einem Austritt wieder selbst entscheiden könne. Es ist das Mantra der Brexiteers, angeführt von Johnson, Gove und Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen Unabhängigkeitspartei Ukip. „Wählt mit eurem Herz, wählt mit eurer Seele, wählt mit eurem Stolz“, schwor Farage, der aufgrund einer als rechtsextrem verurteilten Plakat-Kampagne mittlerweile selbst im Leave-Lager umstritten ist, die Bevölkerung ein. Vielleicht ein letztes Mal wedelte der EU-Gegner mit seinem Ausweis. „Es wird Zeit, dass wir wieder unseren britischen Pass zurückbekommen“ Boris Johnson war stets der lauteste unter den Lauten, auch gestern. „Glaubt an unser Land“, rief er seinen Landsleuten zu.

Jeremy Corbyn war beim großen Finale ebenfalls unterwegs. Dabei fragten sich die Briten lange, ob der Labour-Chef überhaupt die Linie seiner Partei gegen einen Austritt verfolgte oder nicht doch heimlich einen Brexit herbeiwünschte. Er habe sich nicht ausreichend für die Sache eingesetzt, so der Vorwurf. Der Sozialist, der in der Vergangenheit oft durch seine Kritik an der Gemeinschaft aufgefallen ist, ging in Urlaub anstatt mit Cameron auf Wahlkampfveranstaltungen aufzutreten. Erst in den letzten Tagen stieg er richtig ein. Labour-Wähler könnten am Ende den Ausschlag geben, weshalb vor Wochen bereits führende Sozialdemokraten das Ruder übernommen hatten.

Sogar Londons neuer Bürgermeister Sadiq Khan machte sich auf in den Rest des Landes, um die Stamm-Anhängerschaft von einem Verbleib zu überzeugen. Khan stellte sich am Dienstagabend seinem Vorgänger, Boris Johnson, in einer im Fernsehen live übertragenen Debatte, an der mehrere Vertreter beider Seiten teilnahmen. Beide lieferten sich vor tausenden Zuschauern in der Wembley-Arena einen hitzigen Schlagabtausch und brachten alle Argumente nochmals auf den Tisch. Am lautesten brandete der Applaus auf, als Sadiq Khan sich direkt an Johnson wandte: „Deine Kampagne gegen Immigration war nicht 'Projekt Furcht', sondern 'Projekt Hass'.“ Tatsächlich ging es in den vergangenen Monaten vor allem um das Reizthema Immigration. Das Leave-Lager fing mit der Angst vor Überfremdung viele Briten ein. Sie schossen immer schärfer, schriller und schonungsloser gegen Einwanderer und das Polit-Establishment. Gleichwohl sind die EU-Gegner für zahlreiche Beobachter häufig übers Ziel hinausgeschossen. Doch auch die EU-Freunde versuchten häufig mit Halbwahrheiten und viel Polemik zu überzeugen. Es sei ein „vergiftetes Klima“ entstanden, hieß es nach dem Mord an der pro-europäischen Labour-Abgeordneten Jo Cox am vergangenen Donnerstag Woche.

Großbritannien entscheidet über seine Zukunft. Und es war Cameron, der zwar auf die Folgen eines Brexits anspielen wollte, aber gleichwohl den heutigen Tag am besten zusammenfasste: „Niemand weiß, was geschehen wird.“

Rubriklistenbild: © dpa

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