Anschlag in Paris: Frankreich trauert um die zwölf Todesopfer

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Mit Kerzen haben am Mittwochabend Zehntausende Menschen in Frankreich den Opfern des Anschlags gedacht.

Paris. Nach dem tödlichen Anschlag auf die Redaktion einer Pariser Satirezeitung hat Frankreich die höchste Terrorwarnstufe für den Großraum Paris ausgerufen.

Die Täter sind flüchtig. Unter den Opfern ist fast die gesamte Führung der Zeitung.

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Zehntausende Menschen haben am Mittwochabend in ganz Frankreich bei Trauerkundgebungen der zwölf Opfer des Anschlags auf die Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" in Paris gedacht. In der Hauptstadt versammelten sich am Platz der Republik mehr als 5000 Menschen, wie die Polizei mitteilte. In der Menge hielten manche Schilder hoch mit der Aufschrift "Ich bin Charlie", andere hatten Kerzen mitgebracht.

In Lyon kamen laut Polizei bis zu 15.000 Menschen zusammen, im südfranzösischen Toulouse waren es etwa 10.000. In beiden Städten riefen Menschen "Charlie", in Toulouse wurden Stifte als Zeichen für die Meinungs- und Pressefreiheit hochgehalten. Im westfranzösischen Nantes versammelten sich etwa 5000 Menschen, darunter Ex-Premierminister Jean-Marc Ayrault. Auch im Internet haben Hunderttausende ihre Bestürzung zum Ausdruck gebracht.

Mindestens zwei vermummte Angreifer hatten am Mittwochvormittag den Sitz der Satire-Zeitung in Paris angegriffen, die wegen ihrer Mohammed-Karikaturen seit Jahren von Islamisten angefeindet wird. Zwölf Menschen erschossen die Täter mit ihren Kalaschnikows, die laut Zeugen "Allah Akbar" (Gott ist groß) sowie "Wir haben den Propheten gerächt" riefen. Elf weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Die Angreifer sind nach wie vor flüchtig. Die sozialistische Regierung in Paris stufte den Angriff als "Terroranschlag" ein.

Fünf der Toten: Journalist Bernard Maris und die Karikaturisten Georges Wolinski, Jean Cabut, Charb and Tignous (von links). Zum Vergrößern bitte oben rechts auf das Bild klicken.

In Paris herrscht seither Ausnahmezustand: Die höchste Terrorwarnstufe wurde ausgerufen.
Stunden nach dem blutigen Anschlag, bei dem auch mindestens sieben Menschen verletzt wurden, vier von ihnen sehr schwer, waren die Täter noch nicht gefasst. Präsident François Hollande eilte sofort zum Tatort und rief die Nation zur Einheit auf. Er sprach von „Barbarei“ und einen „Schock für Frankreich“. Nach einer Krisensitzung des Kabinetts erklärte die Regierung, es seien drei Täter am Werk gewesen.

Mit welcher Kaltblütigkeit die Angreifer vorgingen, zeigt ihre Flucht: Während ihrer Fahrt vom 11. Arrondissement zwischen dem Platz der Bastille und dem Platz der Republik stiegen sie aus ihrem Auto noch einmal aus und töteten einen Polizisten per Kopfschuss, wie auf einem Video zu sehen ist. In der Nähe der Porte de Pantin in Richtung nordöstlichem Stadtrand überfielen sie einen Autofahrer und überfuhren einen Passanten. Seither verliert sich die Spur.

In den Redaktionsräumen von "Charlie Hebdo", dem Satiremagazin, das seit Jahren wegen seiner provokanten Mohammed-Karikaturen im Visier von Islamisten ist, richteten die Täter ein wahres Blutbad an. Der langjährige Chef der renommierten Satirezeitung starb in dem Kugelhagel ebenso wie drei seiner Kollegen, die Zeichner Wolinski, Cabu und Tignous. Ein Journalist, der in Räumen gegenüber von "Charlie Hebdo" arbeitet, berichtete von fürchterlichen Szenen: "Leichen am Boden, Blutlachen, sehr schwer Verletzte".

"Sie waren vermummt, mit Kalaschnikow oder M16", erzählte ein Nachbar schockiert. Die Angreifer seien "todernst" gewesen, so dass er an Sondereinheiten der Polizei habe denken müssen, die Drogenhändler verfolgen. "Man kam sich vor wie bei einem Filmdreh." Andere erzählen, wie sie gerade die Straße entlang kamen oder aus dem U-Bahn und fast in die Schießerei gerieten. Der 56-jährige Jean-Paul Chevalier, der in einem Kindergarten arbeitet, kam mit einigen Kleinen dort vorbei: "Leute lehnten sich aus dem Fenster und schrieen mir zu, vom Bürgersteig zu verschwinden. Die Leute waren in Panik, und ich hörte Schüsse."

Kurz vor dem Eintreffen der Terroristen hatte die Redaktion bei Twitter noch dieses Bild gepostet. Es zeigt den ISIS-Anführer Al-Baghdadi, dem die besten Wünsche und Gesundheit geschickt werden.

Die sozialistische Regierung in Paris verhängte umgehend die höchste Terrorwarnstufe für den Großraum Paris - ein Schritt, der ungewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen und Einschränkungen für die Bevölkerung zulässt. So wurde nicht nur der Schutz von Medienhäusern, großen Kaufhäusern, Kirchen und im öffentlichen Nahverkehr erhöht. Für Schulen wurden alle Ausflüge untersagt, Parken vor Schulen wurde verboten.

Ein sichtlich erschütterter Staatschef François Hollande sprach am Tatort von einem "Terroranschlag", daran gebe es keinen Zweifel. "Frankreich steht heute unter Schock." Ziel des Attentats sei eine Zeitung gewesen, die schon mehrfach bedroht worden sei. Die Täter dieser "außergewöhnlich barbarischen Tat" würden verfolgt und vor Gericht gestellt, versprach er.

Schon seit Monaten sorgen Terrordrohungen insbesondere der in Syrien und im Irak kämpfenden Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Frankreich für Unruhe. Die Sicherheitsdienste hatten gewarnt, dass es nicht mehr eine Frage sei, ob ein Anschlag stattfinde, sondern nur noch ob und wo.

Präsident Hollande versuchte zwar, mit dem Hinweis zu beruhigen, dass in den vergangenen Wochen bereits mehrere Anschlagsversuche vereitelt worden seien. Dass die - mutmaßlich islamistischen - Täter nun aber im Stadtzentrum der Hauptstadt zuschlagen konnten, schockierte die Franzosen. Eine Frau in der Nähe des Anschlagsortes drückte das aus, was viele denken: "Das ist Irrsinn - mitten im Herzen von Paris."

Politiker und Staatschefs aus ganz Europa, äußerten am Mittwochnachmittag ihre Bestürzung und sicherten Frankreich Unterstützung zu. Auch die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD), die Arabische Liga (AL) und die Al-Ashar-Universität als wichtigste Autorität des sunnitischen Islam verurteilten den Anschlag aufs Schärfste.

Reporter ohne Grenzen: "Schwarzer Tag für die Pressefreiheit"

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) hat sich „bestürzt“ über das Attentat gezeigt. „Dieser brutale Terroranschlag markiert einen schwarzen Tag für die Pressefreiheit in Europa. Alle unsere Gedanken sind bei den Getöteten, Verletzten und Hinterbliebenen“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr am Mittwoch in Berlin. „Regierungen und Öffentlichkeit müssen nun alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu verhindern, dass sich Journalisten und Medien durch diese schockierende Tat einschüchtern lassen.“

Islamismus-Experte: "Charlie Hebdo" wird nicht das letzte Ziel sein

Terrorattacken wie der Angriff auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ wird es nach Einschätzung eines führenden Islamwissenschaftlers auch in Zukunft geben. „Ich fürchte, mit solchen Verbrechen muss man vereinzelt überall in Europa immer wieder rechnen“, sagte Mathias Rohe, der unter anderem den Verfassungsschutz berät, am Mittwoch. Die Sicherheitsorgane könnten dies nicht verhindern, da die Radikalisierung der Täter oft sehr schnell und weitgehend unbemerkt ablaufe.

„Es ist wichtig, dass wir jetzt die Nerven behalten“, sagte Rohe, der an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt. Denn die Terroristen wollten mit ihren Anschlägen staatliche Repressionen provozieren, um ihren Fanatismus zu rechtfertigen. „In diese Falle dürfen wir nicht laufen“, warnte er.

Der Islam-Experte und Jurist betonte, wichtiger als neue Gesetze sei die Prävention. Die Moscheenverbände in Deutschland seien allerdings personell und finanziell derzeit nicht in der Lage, diese Aufgabe alleine zu übernehmen. Muslimische Zuwanderer rief er auf, sich an die Polizei zu wenden, wenn sie Hinweise auf eine drohende Gefährdung haben. „Dass dies aus familiärer Verbundenheit oder weil man so etwas nicht nach draußen tragen will, oft unterbleibt oder erst zu spät stattfindet, ist falsch.“

AFP/dpa

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