Vor 100 Jahren begann die Schlacht von Verdun

Um 7.15 Uhr feuerten 1200 Geschütze: Die „Urschlacht des Jahrhunderts" begann

Verdun 1916: „Albtraumhafte Szenen mit erschossenen und zerrissenen Soldaten, mit Leichen und Leichenteilen auf fast jedem Quadratmeter des Schlachtfeldes.“ Historiker Olaf Jessen über den monatelangen Stellungskrieg. Foto: Memorial Verdun/ Heymann Renoult Associes

Um 7.15 Uhr brach das Inferno los: Aus 1200 Geschützen feuerten die deutschen Truppen auf die französischen Stellungen von Verdun, dann begann der Sturmangriff. Die Schlacht dauerte 300 Tage, änderte den Frontverlauf kaum, aber kostete 300.000 Soldaten das Leben. Über die „Hölle von Verdun“ sprachen wir mit dem Historiker Olaf Jessen.

Vergegenwärtigen wir uns der Kriegslage Anfang 1916. Die deutsche Offensive gegen Frankreich ist schon im Herbst 1914 steckengeblieben, man befindet sich im Stellungskrieg. Warum war es für das Kaiserreich so wichtig, wieder in den Bewegungskrieg zu kommen?

Olaf Jessen: Ein operativer Durchbruch wäre für die Heerführer aller Mächte auf dem französischen Kriegsschauplatz der „Heilige Gral“ gewesen. Auf den Stellungskrieg waren weder der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn noch der französische General Joseph Joffre oder der Kommandeur des britischen Expeditionskorps, Feldmarschall Douglas Haig, vorbereitet.

Aber vor allem aus deutscher Sicht schien die Rückkehr zum Bewegungskrieg besonders wichtig. Die Mittelmächte - Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich - waren den Entente-Mächten militärisch und wirtschaftlich unterlegen, ein langer Abnutzungskrieg war nicht in ihrem Interesse. Mit Raumgewinnen in einem Bewegungskrieg hoffte man dagegen, den Durchhaltewillen von Franzosen und Briten brechen und das militärische Ruder noch einmal herumreißen zu können.

Warum aber griff General von Falkenhayn ausgerechnet an der relativ modernen Festung Verdun an?

Jessen: Er glaubte, wie übrigens auch sein französisches Gegenüber Joffre, Festungsanlagen hätten ihren strategischen Wert weitgehend verloren. Falkenhayn konnte sich ja auch auf den im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagenden Erfolg der schwersten deutschen Artillerie berufen, die 1914 - etwa mit der sogenannten Dicken Bertha, einem 42-cm-Mörsergeschütz - beim Vormarsch die belgischen Befestigungsanlagen zerstört hatte.

Wie sah Falkenhayns Plan für den Angriff aus?

Jessen: Mit dem operativen Durchbruch bei Verdun sollte die Rückkehr zum Bewegungskrieg eingeleitet werden. Damit sollten zudem die Franzosen und die weiter nordwestlich stehenden Briten zu voreiligen und gefährlichen Gegenoffensiven bewegt werden.

Waren Falkenhayns Überlegungen plausibel?

Angriff auf Verdun: Erich von Falkenhayn (1861–1922), deutscher Generalstabschef.

Jessen: Aus operativer Sicht könnte man das so sehen. Die Briten etwa wollten tatsächlich sofort eine Entlastungsoffensive starten, was Joffre aber vorerst unterband. Und bei Verdun verteidigten die Franzosen wie erhofft ihre Festung, statt sie aufzugeben, wie sie es ursprünglich geplant hatten. Joffre und Haig schluckten Falkenhayns Köder.

Es darf aber nicht aus den Augen verloren werden, dass Verdun wegen der Millionenheere auf beiden Seiten keine klassische Vernichtungsschlacht sein konnte, sondern eine politische Schlacht, die psychologische Wirkungen bei Franzosen und Briten erzielen sollte. Diese Rechnung ging aber nicht auf.

Weil der Angriff schon nach kurzer Zeit steckenblieb.

Jessen: Richtig. Ende März/Anfang April war Falkenhayn gescheitert: Kein Durchbruch, keine gegnerischen Entlastungsoffensiven, dafür stiegen die deutschen Verluste dramatisch. Jetzt entgleiste der Kampf. Es entwickelte sich eine Materialschlacht von bis dahin unbekannten Ausmaßen. Und Falkenhayn nahm erstmals den Begriff vom Ausbluten und Weißbluten des Gegners in den Mund.

In seinen Memoiren stellte Falkenhayn es nach dem Krieg so dar, dass dieses Ausbluten immer sein vorrangiges Ziel gewesen sei. Warum tat er das?

Der Verteidiger von Verdun: Frankreichs Marschall Joseph Joffre (1852– 1931). Fotos: dpa

Jessen: Memoiren haben immer Rechtfertigungscharakter. Nach dem Krieg wollte er nicht dastehen als jemand, dessen Plan einer Rückkehr zum Bewegungskrieg schon nach wenigen Tagen gescheitert war. Deshalb stellte er es so dar, dass die Zermürbung und Abnutzung des Gegners immer sein Hauptziel gewesen sei.

Joffre und Haig übrigens haben ihre gescheiterten Durchbruchsversuche ebenfalls so getarnt.

Sie nennen Verdun die Urschlacht des Jahrhunderts. Was ist damit gemeint?

Jessen: Aus französischer Sicht war Verdun nach der Schlacht an der Marne der zweite große Abwehrsieg, trotz aller albtraumhaften Szenen mit erschossenen und zerrissenen Soldaten, mit Leichen und Leichenteilen auf fast jedem Quadratmeter des Schlachtfeldes. Durch das ständige Auswechseln der Truppenkontingente war zudem fast jeder französische Soldat des Ersten Weltkrieges auch einmal in Verdun. So wurde der Ort zum Mythos.

Und auf deutscher Seite?

Jessen: Da setzte sich durch die Erzählungen und Briefe der Soldaten der Eindruck durch, alles sei sinnlos gewesen, man sei in Verdun verheizt und von der Militärführung verraten worden. Dazu haben auch Falkenhayns Memoiren beigetragen. Denn den Landsern war im Februar 1916 gesagt worden, es ginge um den großen Sieg. Und nun erklärte ihr damaliger Befehlshaber, es sei nur darum gegangen, dass auf jeden gefallenen oder verwundeten deutschen Soldaten eben drei gefallene oder verwundete Franzosen kommen sollten. Das war zynisch und schürte ein Klima der Verrats- und Dolchstoßvorwürfe.

Sie haben über Verdun auch von einer Enthegung der Gewalt geschrieben. Wie ist das gemeint?

Jessen: Im Zeitalter der Aufklärung war es nach den Verheerungen des 30jährigen Krieges noch um Einhegung der Gewalt gegangen, um militärische Siege, die mit möglichst schonenden Mitteln erreicht werden sollten. Das änderte sich zunächst mit der Französischen Revolution, und dann vollends mit dem Ersten Weltkrieg. Verdun 1916 war die erste große Materialschlacht der Geschichte, ein Ausfluss des industriellen, totalen Völkerkrieges. Ein Kriegsbild, das uns begleitet bis 1945, bis zu den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki. Erst danach wurde gezwungenermaßen wieder der Versuch einer Einhegung der Gewalt unternommen, Stichwort „chirurgische Schläge“.

Trotz der symbolischen Bedeutung hat Verdun am Kriegsverlauf wenig verändert.

Jessen: Der Frontverlauf nach 300 Tagen war fast derselbe wie im Februar 1916. Aber ein deutscher Sieg in diesem Krieg war unwahrscheinlicher geworden. Im Gegenteil: Im Angesicht von Verdun entschloss sich das deutsche Kaiserreich, den warnungslosen U-Boot-Krieg wieder aufzunehmen - und provozierte dadurch den Kriegseintritt der USA. Danach war die deutsche Niederlage wohl unvermeidlich.

Welche Konsequenzen haben Frankreich und Deutschland aus Verdun gezogen?

Jessen: Für die Franzosen war Verdun eine siegreiche Abwehrschlacht. Sie schufen deshalb in der Zwischenkriegszeit mit der Maginot-Linie ein überdimensionales Verdun mit modernen Festungen und Forts an ihrer Ostgrenze.

In Deutschland blieb Verdun die Hölle, die künftig auf jeden Fall zu vermeiden war. Also setzte man auf neue technische Entwicklungen: Kampfflieger, Lastkraftwagen, schnelle Panzerverbände. Heinz Guderian zum Beispiel hatte Verdun als Nachrichtenoffizier aus nächster Nähe erlebt. Er zog seine Schlussfolgerungen und war 1940 ein Sieger Hitlers im „Blitzkrieg“ gegen Frankreich.

Verdun hat über die Jahrzehnte einen Bedeutungswandel erfahren, vom Symbol des Krieges zu einem der Freundschaft ehemaliger Kriegsgegner. Oder war der Händedruck zwischen Präsident Mitterrand und Kanzler Kohl nur eine Pose für die Fotografen?

Jessen: Die Geste darf nicht unterschätzt werden. Das Bild vor dem Beinhaus in Verdun ist in jedem deutschen und französischen Schulbuch zu sehen, es hat sich fest ins kollektive Gedächtnis von Deutschen und Franzosen eingebrannt. Nicht zufällig wehen über dem Fort Douaumont drei Flaggen: die Trikolore, Schwarz-Rot-Gold und die Europafahne. Das symbolisiert die zivilisatorische Erkenntnis, dass Europa die Auswüchse des Nationalismus überwunden haben sollte.

Zur Person

Dr. Olaf Jessen, 1968 in Flensburg geboren, studierte Geschichte und Öffentliches Recht in Freiburg, Dublin, Göttingen und Potsdam. Seit 2010 arbeitet der Historiker als freier Publizist und Autor. Unter anderem sind von ihm erschienen „Die Moltkes - Biographie einer Familie“ sowie zuletzt „Verdun 1916 - Urschlacht des Jahrhunderts“ (jeweils Beck-Verlag). Jessen ist verheiratet und lebt in Husum.

Von Wolfgang Blieffert

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.