Schlossbahn hängt an 12 steilen Metern

Peinliche Panne: Route für Marburger Bimmelzug darf nicht genehmigt werden

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Ziel der Bimmelbahn-Betreiber: Marburgs Schloss über der Altstadt - hier im Nebel. Ein verkleideter Traktor und zwei Waggons wie hier in Quedlinburg - solche Bahnen gibt es deutschlandweit. Fotos: dpa

Marburg. „Die Strecke ist nicht genehmigungsfähig.“ Das sagte Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) am Montag zu Plänen einer privaten Taxifirma, die Touristen per Bimmelbahn aus der Altstadt zum Schloss und zurück fahren will.

800 Jahre Geschichte in Stein, ein mächtiger Bau, der Landgrafen beherbergte, auch Strafgefangene und Hessens Staatsarchiv: Das Marburger Schloss thront hoch über der Altstadt. Für manche Besucher bleibt es aber unerreichbar. Den steilen Anstieg über Pflaster sollte für alle, die schlecht zu Fuß sind, seit Anfang Juli eine Bimmelbahn bewältigen. Noch aber dreht der umgebaute 110-PS-Traktor mit zwei Anhängern und 54 Sitzplätzen seine Runden nur unten.

Technisch ist das Gefährt abgenommen und genehmigt, hieß es vom RP Gießen. Peinliche Panne: Die Bahn, die im Vorfeld groß beworben wurde, darf trotzdem nicht hinauf zum Schloss. Ihre Kurs mit sieben Spitzkehren pro Rundtour ist zu steil. 110 PS und Angaben des Regensburger Herstellers, die Maschine schaffe Steigungen bis zu 23 Prozent, seien nur eine Seite der Medaille, sagt OB Vaupel. Eine Genehmigung zu bekommen sei die andere: Vorgaben des Bundes erlauben für solche Bimmelbahnen höchstens zehn Prozent Steigung, ausnahmsweise bis 15 Prozent.

Der längst in Fahrpläne gedruckte Anstieg liegt ein kleines, aber entscheidendes Zwölf-Meter-Stück drüber. Was ist bei Nässe, was passiert, wenn die Bahn proppenvoll besetzt ist? Beim Aufstieg, bei der Abfahrt? 15 Prozent sind mehr als die meisten Schweizer Alpenpässe bieten: Bernina und Splügen in Graubünden bringen es auf schlappe 10 Prozent. Die Große Scheidegg bei Bern ist mit 14 Prozent für Pkw gesperrt.

Debatten gab es schon weit im Vorfeld: Die „Bürger für Marburg“ im Stadtparlament fanden die rotweiße Bimmelbahn zu kitschig für die Altstadt. Die Linke nannte die Straßen unterhalb des Schlosses auch ohne Pendel-Trecker eng genug. Zum bequemeren Bezwingen der 80 Höhenmeter zwischen unten und oben wälzte Marburg schon etliche Ideen: Aus den 1970ern stammen Seilbahn-Pläne, später kam die Zahnradbahn ins Spiel, alternativ der Touristentransport per Esel, schließlich ein Schrägaufzug, den der jüngst verstorbene Milliardär Reinfried Pohl seiner Heimatstadt spendieren wollte.

OB Vaupel sprach in Sachen Schlossbahn gestern vorsichtig von Fehlern auf allen Ebenen. Eine einzige Alternativroute sehe er noch. Die Steigung dort liege unter 15 Prozent, man prüfe die Strecke jetzt - ganz genau.

Von Wolfgang Riek

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