Mit Schotten-Schal und Qietscheente im Ideen-Wahlkampf

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Hannover. Gut drei Wochen vor der Wahl ist auf den Straßen in Niedersachsen eifrig gekleistert worden. An jeder Ecke prangen die Gesichter der Spitzenkandidaten auf Plakaten, in den Innenstädten werben die Parteien auf Flugblättern um die Wählergunst.

Die Aufmerksamkeit der Wähler wollen sie nicht nur mit möglichst kreativer Plakatgestaltung gewinnen. Auch über das Internet sollen mit Artikeln aus Web-Shops Stimmen gefangen werden - von Schmuck über Qietscheentchen bis hin zu Kondomen.

"Die Strategien der Parteien haben sich seit einiger Zeit verändert, da Wahlkämpfe wichtiger geworden sind", erklärt Christina Holtz-Bacha, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Nürnberg-Erlangen. "Bei vielen Themen gibt es in den Parteien Konsens, deshalb müssen sie sich andere Merkmale und Angebote suchen, über die sie sich voneinander unterscheiden."

Und an Angeboten fehlt es nicht: Online präsentieren die Parteien ganze Warenhäuser an Artikeln, die mit dem Partei-Logo versehen sind. Die Piraten fahren mit LED-Logos und Schmuck auf, bei den Grünen können Bade-Quietscheentchen und Jutebeutel erworben werden. Die Linke verkauft Kondome, Frisbee-Scheiben und Brillenputztücher.

Die CDU setzt auf die Symbolkraft einiger Werbemittel: beispielsweise mit dem CDU-Schal im typischen Schottenkaro-Muster. "Der Schal signalisiert, dass wir eine Mannschaft sind und der Träger zum McAllister-Team gehört", sagt Ulf Thiele, Generalsekretär der CDU Niedersachsen. Die Traubenzucker-Karte wiederum stehe für die Energie der CDU. Außerdem: "Die Brötchentüte sagt, dass wir etwas gebacken kriegen."

Die SPD will sich mit Geschenken im Wahlkampf behaupten. Im Januar sollen die Niedersachsen ihre frisch gesäuberten Hemden in Wäschereinigungen auf SPD-Kleiderbügeln zurückbekommen. "Die Idee ist nicht schlecht, den Leuten etwas von der SPD in die Hand zu drücken", meint Holtz-Bacha. "Das ist aber nur sinnvoll, wenn der Gag auf die Partei übertragen werden könnte."

Bei den Piraten dagegen gibt es nur Programme und Plakate. Wahlgeschenke können sie sich nicht leisten, sagt Christian Peper, Leiter der Landesgeschäftsstelle der Piraten in Niedersachsen. Das Budget von 60.000 Euro reiche nur für Wahlprogramme und Plakate. Weil Plakate aber nie mit politischen Inhalten zu tun hätten, werben die Piraten in ihrer Kampagne "Ideenkopierer" mit Konzern-Slogans von Ikea, Telekom oder McDonald's. "Effektiv sind Plakate ja immer Werbung, dann können wir auch gleich Werbung machen."

Im Wahlkampf zählt aber nicht nur Kreativität. "Wahlkämpfe müssen auch die technologische Entwicklung und die neuen Medien einbeziehen", sagt Holtz-Bacha. Der CDU zufolge sind neben Info-Stände, Flyer, Briefe und Plakate Wahlkampfinstrumente wie E-Mail, SMS und soziale Netzwerke getreten. Die SPD zeigt sich nicht nur auf Facebook, Twitter & Co. aktiv, sie ruft ihre Wähler zur virtuellen Teilnahme auf: Mit einem Plakatgenerator können eigene Wahlkampf-Slogans entworfen werden. Mehr als 400 Plakate wurden bereits erstellt.

"Die Politik muss sich anpassen", sagt Holtz-Bacha. "Sie reagiert mit neuen Instrumenten auf veränderte Bedingungen in der Wählerschaft." Manchmal entstehe jedoch der Eindruck, dass Ideen eingesetzt werden, ohne dass geprüft worden wäre, ob sie auch funktionierten. "Trotzdem ist das alles notwendig", meint die Kommunikationswissenschaftlerin. "Sonst kommen uns die Parteien altmodisch vor. Und wer wählt schon eine altmodische Partei?" (dpa)

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