Schweiz kapituliert vor Euro

Fragen & Antworten: Warum die Schweizer Notenbank handeln musste

Die Schweizer Nationalbank hebt den Mindestkurs zum Euro auf: Im Bild die Geldscheine der Währung Schweizer Franken. 10 Franken mit dem Architekten Le Corbusier, 50 Franken mit der Malerin Sophie Taeuber-Arp und 100 Franken mit dem Bildhauer Alberto Giacometti (von links). Foto: dpa

Viele Jahre hat die Schweizer Notenbank (SNB) den Franken mit Euro-Käufen künstlich niedrig gehalten. Jetzt gab sie das feste Kursziel auf - und schockierte die Märkte.

Der Eurokurs sackte am Donnerstag kurz auf den tiefsten Stand seit über elf Jahren: Im Verhältnis zum US-Dollar fiel der Kurs auf 1,1568 Dollar. Vor der Entscheidung hatte der Euro noch knapp unter der Marke von 1,18 Dollar gelegen.

Mit dieser Kehrtwende in der Währungspolitik verliert die Schweizer Wirtschaft ihren Schutzschirm. Seit mehr als drei Jahren galt ein Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro, der die heimische Währung künstlich billig machen sollte, um den Schweizer Exporteuren zu helfen.

Was trieb die Nationalbank SNB zu diesem Schritt? 

Normalerweise bereiten Notenbanker die Börsen auf einen Strategiewechsel vor. Das klappt bei anstehenden Zinsveränderungen und Wertpapierkäufen, aber nicht wenn die eigene Währung verteidigt werden muss. Hätte die Schweizer Notenbank ihre Pläne angedeutet, hätten die Banker Spekulanten auf sich gezogen. Die SNB hätte dann viel mehr Geld für die Verteidigung der Zielmarke ausgeben müssen. Der harte Schnitt war die günstigere Variante, um den Franken auf Kurs zu bringen. Die Währung wurde daraufhin kurzfristig um ein Drittel teurer.

Warum ist der Euro eine Gefahr für die Schweiz? 

Über Wochen kritisierten Schweizer Ökonomen, dass der Mindestkurs beendet werden müsste. Der Grund: Die Schweiz hortet Währungsreserven über 495 Milliarden Franken, 45 Prozent der Summe werden in Euro gehalten. Ein hohes Risiko, wenn der Euro an Wert verliert. Finanziert hat die Schweiz die Währungsreserve indem sie immer neue Franken gedruckt hat, Euros gekauft und sie größtenteils in deutschen Bundesanleihen angelegt hat.

Der Euro wurde künstlich gestärkt, der Franken künstlich niedrig gehalten. Denn: Ein starker Franken schadet der Schweizer Wirtschaft, da die Produkte für den Export zu teuer werden (Text links).

Warum kapituliert die Schweiz gerade jetzt?

Ein Grund für die Entscheidung liegt sicherlich in der Politik der Europäischen Zentralbank. Denn die EZB versucht seit Monaten, den Kurs des Euro nach unten zu drücken, damit die schwächeren Euro-Länder noch wettbewerbsfähig sind und ihre Produkte verkaufen können.

Doch kein Investor setzt auf eine schwache Währung. So treibt die EZB immer mehr Anleger dazu, ihr Geld in einer Währung mit stabilem Außenwert anzulegen. Das war in der Vergangenheit sehr oft der Schweizer Franken, der durch diese Nachfrage immer stärker wurde. Immer wenn für einen Euro weniger als 1,20 Franken gezahlt werden musste - der Franken also stärker war - griff die Notenbank ein.

Gibt es weitere Gründe für die Entscheidung? 

Ja, die Europäische Zentralbank dürfte am 22. Januar entscheiden, mit Anleihekäufen weitere Milliarden in den Markt zu pumpen. Das könnte den Euro schwächen. Die SNB müsste also noch mehr Euros kaufen, um den Franken schwach zu halten. Die SNB habe erkennen müssen, wie schwer es ist, diese Marke zu halten. Nun habe sie das Ende mit Schrecken statt des Schreckens ohne Ende gewählt, sagte Pia Kater von der Deutschen Bank.

Gewinner & Verlierer: Was bringt ein teurer Franken?

1. Durch diesen Schritt der Schweizer Notenbank SNB wird das Risiko für eine Rezession in der Schweiz zunehmen - schlagartig! Für die Schweizer Unternehmen ist dies eine schlechte Nachricht. Ihre Produkte, die sie in die Eurozone exportieren, werden in den Euro-Ländern teurer oder die Konzerne müssen ihre Gewinnmargen zusammenstreichen. Dies trifft vor allem Konzerne wie Roche (Medikamente), Nestlé (Nahrungsmittel) und Novartis (Biotechnologie- und Pharmakonzern).

2. Wer ein Faible für Schweizer Aktien hat, muss damit rechnen, dass Investments in die dortige Wirtschaft noch schwerer erschwinglich werden. Da der Mindestkurs von Schweizer Franken zu Euro nicht mehr gilt, müssen sich Anleger auf größere Schwankungen einstellen. Wer Kredite in Schweizer Franken aufgenommen hat, für den wird es nach dem Kurssturz teuer.

3. Für die Verbraucher heißt dies: Die Rolex-Uhr (im Bild die GMT Master II) oder die dritte Swatch rückt in weite Ferne, der Genuss von Schweizer Schokolade wird zum Luxus. Aus Sicht des Konsumenten bedeutet das: Wir können uns weniger Schokolade leisten und die Krankenkassen werden über teure Medikamente stöhnen.

4. Deutsche Unternehmer, die viele Produkte in die Schweiz exportieren, werden sich die Hände reiben und sich über steigende Umsätze freuen. Für jeden eingenommenen Franken gibt es automatisch mehr Euro. Das Gleiche gilt für jene Arbeitnehmer, die im Grenzgebiet leben und in die Schweiz zum Arbeiten pendeln: Wer in der Schweiz arbeitet und in Deutschland oder Frankreich lebt, hat heute - dank Schweizer Notenbank - eine opulente Gehaltserhöhung bekommen. Die Schweizer, die in Grenznähe wohnen, können nun günstiger in Deutschland und Frankreich einkaufen. Der Einzelhandel dürfte jubeln.

5. Die Schweiz ist ein beliebtes Urlaubsland. Für Liebhaber hoher Berge ist heute kein guter Tag: Für Urlauber aus der Eurozone wird eine aufgrund des dortigen imposanten Preisniveaus ohnehin kostspielige Reise in die Schweiz noch deutlich teurer werden. (mwe)

Von Martina Hummel

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