Bundespräsident in Dorf, das die Nazis auslöschten

Gauck in Frankreich: Schwerer Gang nach Oradour

+
Nur sechs Menschen überlebten: Als Vergeltung für die Entführung eines SS-Offiziers stürmten SS-Verbände am 10. Juni 1944 Oradour-sur-Glane und ermordeten 642 Männer, Frauen und Kinder. Der Ort wurde 1945 zum Denkmal erklärt und gilt in Frankreich als Inbegriff für die Nazi-Gräuel.

Paris. Wenn Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch nach Oradour-sur-Glane fährt, wird er zunächst das neue Dorf dort vorfinden: eine beschauliche Gemeinde in der westfranzösischen Provinz nahe Limoges.

Denn vom alten Oradour-sur-Glane, ein paar hundert Meter entfernt, sind nur noch die Reste zu sehen: Ruinen früheren Lebens, das die deutsche Waffen-SS bei einem grausamen Massaker am 10. Juni 1944, komplett ausgelöscht hat. Sie setzte das Dorf in Flammen und ermordete 642 Menschen.

Der Bundespräsident ist zwar wenig bekannt in Frankreich, wo es keine Entsprechung für diese vor allem repräsentative Rolle gibt. Dass Gauck nun kommt, gilt dennoch als starke Geste. Bewusst fällt sein dreitägiger Staatsbesuch, der in außerdem nach Paris und in die Europäische Kulturhauptstadt Marseille führt, ins Jubiläumsjahr der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages zwischen den früheren Kriegsfeinden am 22. Januar 1963. Es ist die erste offizielle Visite eines deutschen Staatsmannes in Oradour-sur-Glane. Die Gemeinde werde einen historischen Moment erleben, sagt Bürgermeister Raymond Frugier: „Das ist genauso bedeutend wie der Händedruck von Mitterrand und Kohl in Verdun.“

Begleitet wird Gauck von Präsident François Hollande, der jahrelang Bürgermeister des nahe gelegenen Städtchens Tulle war, ebenfalls Schauplatz eines Massakers am 9. Juni 1944, bei dem die SS-Soldaten 99 Männer an Balkonen und Straßenlaternen aufhängten. Am Folgetag marschierten 120 bis 200 Soldaten in Oradour-sur-Glane ein. Sie versammelten die überraschte Bevölkerung auf dem Marktplatz, trieben die Frauen und Kinder in die Kirche, sprengten den Kirchturm und schossen in die Menge. Die Männer wurden hingerichtet und angezündet, die Häuser geplündert und ebenfalls in Brand gesetzt. Sechs Menschen überlebten den Massenmord.

Auf Staatsbesuch in Frankreich: Joachim Gauck.

Einer von ihnen, der 87-jährige Robert Hébras, wird nun den hohen Besuch begleiten und durch die Ruinen führen. Im vergangenen September verurteilte ihn ein Gericht in Colmar zur Zahlung eines symbolischen Euros und der Gerichtskosten in Höhe von 10 000 Euro, weil er in seinem 1992 veröffentlichten Bericht „Oradour-sur-Glane: Das Drama Stunde für Stunde“ die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten habe. Er unterstellt darin den Elsässern unter den Soldaten, sich der deutschen Truppe nicht gegen ihren Willen, sondern freiwillig angeschlossen zu haben. Dagegen hatten Betroffene und Nachfahren im Elsass geklagt, die sich zu Unrecht angeschuldigt fühlten.

Weil das französische Parlament nach der Verurteilung von 14 Elsässern durch ein Militärtribunal in Bordeaux 1953 ein Amnestiegesetz für diese erlassen hatte, verweigerte Oradour-sur-Glane 20 Jahre lang Vertretern des Staates jeden Besuch. Auch zu Repräsentanten Deutschlands war der Kontakt unerwünscht.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.