Terroranschlag vor 12 Jahren

Sicherheitsexperte zu 9/11: „Wir sind noch immer bedroht“

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Das Fanal: Die brennenden Türme des World Trade Center am 11. September 2001.

Vor zwölf Jahren, am 11. September 2001, schlugen zwei von Terroristen gesteuerte Flugzeuge in die Türme des World Trade Center in New York ein. Über 3000 Menschen kamen ums Leben. Warum die Anschläge bis heute nachwirken, erläutert Josef Janning von der Gesellschaft für Auswärtige Politik.

In welcher Form hat der 11. September auch Deutschland verändert?

Josef Janning: Auch in Deutschland hat es nach den Terroranschlägen eine Veränderung in der Betrachtung von Sicherheit gegeben. Die klassische Aufteilung äußere Sicherheit hier und innere Sicherheit dort ist einer Gesamtschau gewichen. Dazu gehört zu verstehen, dass es durch internationalen Terrorismus zu einer Situation kommen kann, in der militärische, polizeiliche und justizielle Herausforderungen auf einmal auftauchen und mit einem kombinierten Instrumentarium zu behandeln sind.

Was genau muss da kombiniert werden?

Janning: Man hat beispielsweise nach dem 11. September festgestellt, dass es eine Fülle von Erkenntnissen aus den unterschiedlichsten Bereichen gibt – von Militär, von Verfassungsschutz, von Polizei – die normalerweise nicht zueinanderfinden. Man hat nach Möglichkeiten gesucht, wie man diese Informationen zueinanderbringen kann, um bei Bedarf ein schnelles, präziseres Lagebild zu erhalten.

Davon haben wir ja heute noch was, zum Beispiel die Spähaktionen des amerikanischen Geheimdienstes NSA. Muss man die als normaler E-Mailnutzer fürchten?

Janning: Man sollte als Internetnutzer wissen, dass alles, was man als E-Mail schreibt, genauso gut als Postkarte verschickt werden könnte. Aber: Seit den 50er-Jahren haben sich die Amerikaner nicht so verwundbar gefühlt wie an 9/11, und sie haben mit einem massiven Schub an Technologie darauf geantwortet. Die Auswirkungen dieses Apparates ziehen sich durch die gesamte westliche Welt, denn auch die Nachrichtendienste anderer Staaten setzen diese Technologien ein. Angetrieben von der Entwicklung in den USA sind sie in einer Art und Weise in der Lage nachzuvollziehen, was Menschen tun, wie man sich das zuvor nicht hat vorstellen können.

Schießen die Amerikaner übers Ziel hinaus?

Janning: Mit Sicherheit. Die USA haben in dem Versuch, ein Höchstmaß an Sicherheit zu erreichen, ein System entwickelt, das viele Amerikaner heute selbst erschreckt. In Deutschland wird oft der Vergleich zur Stasi herangezogen. Aber der Stasi fehlte die digitale Informationsverarbeitung – und das ist es, was dieses System so unglaublich leistungsfähig macht.

Hat das denn tatsächlich zu mehr Sicherheit beigetragen oder nur zu mehr gefühlter Sicherheit?

Janning: Es hat zu einem Teil zu einem Mehr an Sicherheit beigetragen. Es sind sicher eine Reihe von Terroraktionen damit verhindert worden, nicht alles wird bekannt. Auf der anderen Seite ist es bezeichnend für dieses System, dass seine Leistungsfähigkeit darin liegt, Spuren zu rekonstruieren. Die Fähigkeit aufzuklären, ist deutlich gewachsen. Die Fähigkeit, solche Anschläge zu verhüten, möglicherweise nicht.

Osama bin Laden ist seit zwei Jahren tot. Was hat sein Tod verändert?

Janning: In den USA hat sein Tod zu einem Umschwung geführt, weil eine der Hauptprojektionsflächen dieses Gefühls der Unsicherheit nicht mehr existiert. Dadurch hat sich auch in den USA die Erkenntnis durchgesetzt, dass Terrorismus keine kriegerische Antwort verlangt, sondern eine von Polizei und Justiz. Insofern haben sich die Amerikaner teilweise der Position der Europäer angenähert.

Wie virulent ist die Gefahr vom 11. September heute?

Janning: Wir sind noch immer bedroht. Al Kaida ist nach wie vor aktiv, in Mali, Syrien, Libyen und wahrscheinlich auch in anderen Teilen der Welt. Unsere westlichen Gesellschaften sind durch ein hohes Maß an Vernetzung und Mobilität sehr verletzlich. Und solange die Antriebskräfte von Terrorismus weiterbestehen wie Unterentwicklung, Armut und Unterdrückung, werden die westlichen Gesellschaften immer wieder Zielscheibe radikaler und gewaltbereiter politischer Gruppen sein.

Von Tatjana Coerschulte

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