„Sie brauchen liebevolle Führung“

Interview: Geschlechterforscher über das Rollenbild von Jungen

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Seltenes Bild: Beim Boys Day probieren Jungen typische Frauenberufe aus. Zum Beispiel auf der Säuglingsstation.

Der Girls Day bot Mädchen die Möglichkeit einen Einblick in typisch männliche Berufe zu erhalten. Warum auch Jungen eine entsprechende Förderung benötigen, haben wir den Tübinger Geschlechterforscher Dr. Reinhard Winter gefragt.

Ihr Buch trägt den Titel „Jungen brauchen klare Ansagen“. Warum nur Jungen? 

Dr. Reinhard Winter: Das heißt ja nicht, dass das nicht auch für Mädchen Bedeutung hat. Sie brauchen auch Orientierung und Führung, aber Jungen viel mehr und intensiver. Das zeigt schon die Erfahrung. Fragt man im Lehrerzimmer, wo es Probleme gibt, lautet die Antwort meistens: zu 80, 90 Prozent sind es Jungen. Viele Jungen brauchen von Erwachsenen deutlichere Linien und mehr Halt. Dabei geht es nicht um Disziplin, Drill oder Druck, sondern um Klarheit in Beziehung und Sprache, um Werte, kurz um liebevolle Führung.

Ein Beispiel? 

Winter: Gestern hat mir eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn ständig heftige Schimpfwörter gebraucht, auch ihr gegenüber. Sie kränkt das, aber sie kann sich nicht behaupten. Wir haben dann geübt, wie sie ihm das ernsthaft und eindeutig, aber trotzdem liebevoll sagen kann und wie sie ihn bittet, anders zu reden. Viele Eltern wollen nicht zu autoritär wirken, aber gleichzeitig auch nicht nur nachgiebig sein. Wie dieser Mittelweg gehen kann, damit haben viele Probleme.

Was passiert, wenn dieser Halt fehlt? 

Winter: Das ist schlecht für Jungen. Einige suchen dann nach Grenzen oder überschreiten sie, bis sie zwangsläufig Halt finden, das ist dann manchmal die Polizei. Andere werden instabil, sie sind unmotiviert, übernehmen keine Verantwortung oder machen viel Blödsinn. Oder sie werden großspurig, nehmen ihre Eltern nicht ernst und überschreiten deren Grenzen. Wieder andere sind ängstlich, bei ihnen bricht mehr das innere Chaos aus, weil für sie die Welt nicht in Ordnung, sondern bedrohlich wird.

Was können dabei die Eltern leisten? 

Winter: Viel! Vor allem: Die Verantwortung übernehmen. Viele Eltern schieben die Probleme ihrer Kinder gerne auf die Schule und umgekehrt. Beide Seiten können in ihrem Bereich bei Jungen viel ausrichten. Eltern brauchen eine klare Einstellung der Schule gegenüber, also zum Beispiel: In der Schule musst du dich anstrengen. Gleichzeitig dürfen sie die Autorität der Schule nicht untergraben. Viele Eltern steigen auf das Gejammer der Jungen über Hausaufgaben oder über Lehrkräfte ein oder sie werten sie pauschal ab. Das ist falsch. Gerade Jungen brauchen das Vertrauen, dass das im Prinzip schon richtig ist, was da in der Schule passiert.

Was dürfen Eltern von der Schule erwarten? 

Winter: Eltern können der Fachlichkeit der Schule vertrauen, sie können aber auch erwarten, dass die Schule sich auf Jungen einstellt. Und Eltern sollten aufmerksam zuhören, wenn sie gesagt bekommen, wie sich ihr Junge in der Schule verhält. Viele sind da nämlich ganz anders als zuhause. Umgekehrt braucht auch die Schule ein klare Linie: Da arbeiten zu viele Einzelkämpfer mit unterschiedlichen Autoritätskonzepten. Schüler spielen dann die Lehrkräfte gegeneinander aus oder machen einzelne fertig. Jungen brauchen es auch von Lehrerinnen und Lehrern, dass sie ihnen Führung bieten. Und auf kumpelhaftes oder bemutterndes Verhalten von Lehrkräften können Jungen meist verzichten.

Wo spiegelt sich das in der Ausbildung wieder? 

Winter: Solche Jungen tun sich schwer, die ihren Teil der Autoritätsbeziehung bis zur Ausbildung nicht gelernt haben. Wenn sie dort nicht richtig funktionieren, werden sie unter Druck gesetzt oder direkt rausgekickt. Das ist den Jungen gegenüber eigentlich nicht fair, denn für die Defizite sind ja die Erwachsenen verantwortlich, die sie bisher begleitet haben. Unser Ausbildungssystem könnte da mehr Wert auf Persönlichkeitsentwicklung und den Erwerb sozialer Kompetenzen legen. Und dabei ist das klare Führen der Jungen wesentlich.

Gibt es in typischen Frauenberufen eigentlich auch Rollenbilder? 

Winter: Ja, leider sogar ziemlich massiv. In vielen Kindertagesstätten gibt es zum Beispiel ganz traditionelle Rollenbilder. Wenn sich Jungen trauen, sich da als Praktikant zu bewerben, werden sie als erstes gefragt, ob sie gerne mit Kindern herumtoben, ob sie sportlich oder handwerklich begabt sind. Das finde ich unmöglich, weil es alte Rollenbilder sind, die nicht mehr in die heutige Zeit passen. Und wer dort die Frauenkulturen stört oder hinterfragt, wird gern abgewertet oder rausgemobbt.

Sind Männer also in manchen Berufen unerwünscht? 

Winter: Nein, ganz im Gegenteil, auch in traditionellen Frauenberufen sind Männer erwünscht und werden dort gebraucht. Nur bedeutet es eine erhebliche Umstellung der Kultur, wenn der Wunsch wahr wird. Die Probleme, die es dabei gibt, gelten umgekehrt aber genauso. In technischen Berufen wollen wir ja auch mehr Frauen sehen, aber die Männerkultur dort tut sich schwer damit.

Brauchen wir in manchen Berufszweigen demnächst eine Männerquote? 

Winter: Eine Quote bei Führungspositionen wird gefordert, weil viele Frauen in den Startlöchern stehen und diese Jobs haben wollen. Dagegen gibt es nur wenige Männer, die Erzieher, Sozialpädagoge oder Altenpfleger werden möchten. Da ist eine Quote wenig sinnvoll. Aber schon, dass es die Idee einer solchen Quote gibt, zeigt, dass das Thema wichtig ist und angegangen werden muss.

Zur Person

Dr. Reinhard Winter (55) ist Diplompädagoge und Geschlechterforscher. Geboren in Stuttgart, studierte er ab 1981 Erziehungswissenschaften in Tübingen, wo er 1994 promovierte und auch heute noch lebt. 2003 gründete er das „Sozialwissenschaftliche Institut Tübingen“. Er doziert an der Universität Tübingen, sowie in Basel und St. Gallen. Seine Themenschwerpunkte sind Jungen, Männer und Geschlechterforschung. Freiberuflich berät er Menschen, die mit Jungen arbeiten. Winter ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter. (lad)

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