„Sie leben sehr in ihrer eigenen Welt“

Israel vor Zerreißprobe: Interview mit Bildungsexpertin Haviv

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Massenprotest gegen Wehrpflicht für streng religiöse Männer: Hunderttausende ultra-orthodoxe Juden legten vor kurzem Jerusalem fast lahm.

Israel steht vor einer Zerreißprobe. Über die gesellschaftlichen Spannungen sprachen wir mit Anita Haviv, die politische Bildungsprogramme in Israel veranstaltet.

Kann man angesichts der Massenproteste der ultra-orthodoxen Juden gegen die Wehrpflicht von einer gespaltenen Gesellschaft in Israel sprechen?

Anita Haviv: Die Gesellschaft ist schon sehr lange gespalten. Nicht nur wegen der Massenproteste. Manche nennen Israel eine Stammesgesellschaft. Es gibt natürlich gemeinsame Nenner. Aber im Grundsatz ist sie gespalten in Gruppen, die unterschiedliche Werte verfolgen und verschiedene Auffassungen davon haben, wie das Land aussehen soll.

Verfolgen die Ultra-Orthodoxen einen Missionsgedanken? Wollen sie den Rest der Gesellschaft von ihrer Lebensweise als der einzig richtigen überzeugen?

Haviv: Zur Spaltung der Gesellschaft gehört auch, dass die meisten Ultra-Orthodoxen sehr in ihrer eigenen Welt leben. Es gibt zwar unterschiedliche Strömungen, darunter auch solche, die versuchen zu bekehren. Die meisten aber wollen keinen Kontakt zum Rest der Gesellschaft. Sie haben auch keine Handys und kein Internet.

Spielt das Ungerechtigkeitsgefühl im Rest der Gesellschaft eine entscheidende Rolle? Die meisten Ultra-Orthodoxen müssen ja nicht arbeiten, sondern leben vom Staat oder von Spenden.

Haviv: Die meisten ultra-orthodoxen Männer arbeiten nicht, sehr wohl aber die Frauen. Die finanzielle Verantwortung für die Familie liegt also zum Großteil auf den Schultern der Frauen. Die Männer bekommen zwar für ihr Religionsstudium ein kleines Gehalt vom Staat, können davon aber nicht allein leben. Und klar fragen sich viele Israelis, deren Kinder zur Armee müssen – Söhne drei Jahre und Töchter zwei Jahre lang: Warum müssen sie sich für ihr Land in Gefahr begeben und die ultra-orthodoxen Juden nicht?

Warum war die Freistellung der Ultra-Orthodoxen vom Wehrdienst Jahrzehnte lang akzeptiert?

Haviv: 1948 wurde im Zuge der israelischen Staatsgründung die Freistellung für eine Gruppe von 400 besonders begabten Ultra-Orthodoxen beschlossen, damit sie die in der Shoah zerstörte ultra-orthodoxe jüdische Welt wieder aufbauen sollten. Damals konnte das jeder Israeli verstehen und mittragen. Im Lauf der Zeit hat sich die Zahl der Ultra-Orthodoxen jedoch stark vergrößert. Heute sind es einige Hunderttausend. Damit wächst der Druck aus der Bevölkerung, die ein gewisse Gleichbehandlung verlangt. Es geht ja nicht nur um die Armee, sondern auch um die Integration der Ultra-Orthodoxen in den Arbeitsmarkt.

Welche Rolle spielen die ultra-orthodoxen Parteien als Machtfaktor in Israel?

Haviv: Sie waren immer ein sehr wichtiger Faktor. Sie waren oft das Zünglein an der Waage dafür, welche Regierung gebildet wird und wie stabil sie ist. Auch wenn manche religiöse Parteien aus ideologischen Gründen nicht in die Regierung gegangen sind, waren sie immer eine einflussreiche Größe von außen.

Die jetzige israelische Koalitionsregierung, in der keine ultra-orthodoxe Partei vertreten ist, will das Geld für die Religionsschulen der Ultra-Orthodoxen kürzen. Warum?

Haviv: Der zweitgrößte Koalitionspartner ist zurzeit die Zukunftspartei von Finanzminister Jair Lapid. Sie hatte eine säkulare Plattform und ist entstanden durch den Protest der Mittelschicht, die die größten wirtschaftlichen Lasten, auch Steuerlasten, zu tragen hat. Die Partei dringt auf die Kürzung des Geldes, auch um ihre Wahlversprechen halten zu können. Aber ich denke nicht, dass das Geld für die Religionsschulen am Ende tatsächlich gekürzt wird. Dazu ist der politische Einfluss der religiösen Parteien zu groß. Regierungschef Benjamin Netanjahu hat diese weiterhin als potenzielle Koalitionspartner im Blick. Wenn es Kürzungen gibt, werden sie nur kosmetischer Natur sein.

Zur Person

Anita Haviv (53), 1960 in Wien geboren und 1979 nach Israel eingewandert, ist Gründerin und Leiterin der internationalen Agentur „Israel Encounter Programs“, die politische Bildungsreisen und Seminare mit dem Schwerpunkt deutsch-israelischer Dialog veranstaltet. Sie ist Herausgeberin unter anderem des Buches „Heimat? - Vielleicht. Kinder von Holocaustüberlebenden zwischen Deutschland und Israel“, erschienen 2013 bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Anita Haviv lebt in Netanja und hat zwei erwachsene Kinder.

Von Jörg S. Carl

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