„Sie wollen modern wirken“

Interview: Extremismusforscher über die hippe Mode der rechten Szene

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Glatze und Nazi-Symbole waren gestern: Statt auf bekannte Dresscodes wie Glatze, Springerstiefel und Bomberjacke zu setzen, geben sich Rechtsextreme zunehmend wie Szenegänger, etwa mit Jutebeutel und Armyparka. Sie werden Nipster genannt, eine Mischung aus Nazi und Hipster (Hipster von hip = angesagt, modern).

Kassel. Jutebeutel und veganes Kochen: Rechtsradikale lassen sich heute nicht mehr an ihrem Äußeren erkennen. Ihr Name: Nipster, eine Mischung aus Nazi und Hipster. Sie wollen modern wirken – und das birgt Gefahren, warnt Extremismusforscher Thomas Pfeiffer im Interview.

Wie kommt es, dass sich junge Rechtsradikale äußerlich bei Jugendkulturen bedienen, die eigentlich antirassistisch und antifaschistisch geprägt sind, wie die Vegan-Bewegung oder die HipHop-Kultur?

Thomas Pfeiffer: Sie bedienen sich auch dort, aber nicht ausschließlich. Sie bedienen sich letztlich bei allen zeitgenössischen Jugendkulturen. Das zentrale Ziel, um das es dabei geht, ist, das eigene Image zu verbessern. Wegzukommen von dem Image, wir sind ewig gestrig, wir sind alt und unmodern. Sie propagieren, wir sind modern, wir sind authentischer, zeitgenössischer Widerstand.

Dabei bedienen sie sich gerade bei den Jugendkulturen, die auch mit rebellischem Gestus verbunden sind. Da spielen Autonome eine wichtige Rolle, es werden Slogans und Begriffe von Linksautonomen aufgegriffen und als nationaler Widerstand dargestellt.

Was steckt noch hinter dem Imagewandel der Neonazis? 

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Pfeiffer: Sie bemühen sich auch ein Image aufzubauen, das sagt, wir stehen nicht für etwas Negatives. Wir stehen für etwas ausgesprochen Positives. Das verknüpft sich dann mit angeblichen Idealen wie Umwelt- und Naturschutz. Damit ändern sie aber ihre grundlegenden inhaltlichen Aussagen gar nicht. Der Rassismus bleibt erhalten, der Antisemitismus bleibt erhalten, auch die Nähe zum Nationalsozialismus ist immer noch da. Aber das Image, welches nach Außen getragen wird, das dazu dient, Jugendliche anzusprechen, das soll ein völlig anderes sein.

Ist es aus Sicht der Rechtsradikalen nicht eher kontraproduktiv, wenn sie als Gruppe nicht mehr einheitlich auftreten und zu erkennen sind, sondern Vielfalt propagieren? 

Zur Person

Dr. Thomas Pfeiffer (44) ist Rechtsextremismusforscher und Journalist. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Bonn, Dortmund und Dublin. Er ist Dozent für Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Verfassungsschutz des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen. (dag)

Pfeiffer: Aus Sicht mancher Neonazis ist das kontraproduktiv. An diesem Punkt ist die Szene sich auch nicht einig. Bestimmte Entwicklungen waren sicherlich auch gedacht, um die eigenen Reihen zu irritieren und zu provozieren, in dem man mit völlig anderen Frisuren und Outfits auftritt. Der Vorteil ist, so sehen es andere in der Szene, dass, je breiter die Stile und je moderner sie erscheinen, um so größer ist die Anschlussfähigkeit an die heutigen jugendlichen Lebenswelten. Denn viele Jugendliche werden diese Szene gar nicht attraktiv finden, wenn sie im Look der 70er- und 80er-Jahre auftritt.

Also ist das Bestreben der Hipster-Nazis der Versuch, den Rechtsextremismus durch optische Verniedlichung als etwas völlig normales erscheinen zu lassen?  

Rechtsextreme als Szenegänger, etwa mit Jutebeutel und Armyparka.

Pfeiffer: Das ist sicher ein wichtiger Effekt, den sie erzielen wollen. Normalität, Modernität, Coolness - das sind drei Imagebotschaften, die man erreichen möchte. Auch Bandbreite spielt eine wichtige Rolle. Denn es gibt heute nicht den einen Jugendlichen, sondern es gibt sehr unterschiedliche Szenen und Vorlieben in jugendlichen Welten. Praktisch für jeden Stil, hat auch der Rechtsextremismus mittlerweile eine entsprechende Variante anzubieten. Das heißt, die Möglichkeiten, in die Mitte und in die Breite der Jugendkreise reinzustoßen, sind sicherlich deutlich gestiegen mit diesen veränderten, modernisierten Erscheinungsbildern.

Gibt es Erkenntnisse darüber, ob Neonazis mit ihrem neuen, moderneren Auftreten tatsächlich erfolgreich sind und einen stärkeren Zulauf erfahren? 

Pfeiffer: Das ist sehr schwer in Zahlen zu beschreiben. Denn die Frage wäre ja, wen erreichen sie so, dass derjenige sich angezogen fühlt vom Rechtsextremismus. Wenn wir uns das Auftreten von Neonazis in sozialen Netzwerken anschauen, stellt man zum Teil aber schon fest, dass Klickzahlen solcher Angebote ganz beträchtlich sind.

Von Daniel Göbel

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