GEW sieht hohe Zahl an Nachhilfeschülern kritisch

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Kinder beim Nachhilfeunterricht.

Bielefeld - Der Boom bei der privaten Nachhilfe wird die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem nach Einschätzung der Lehrergewerkschaft GEW nochmals verstärken.

Was soll nur aus meinem Kind werden, fragen sich viele Eltern, wenn in diesen Tagen die Halbjahreszeugnisse ins Haus stehen. “Versetzungsgefährdet“ bedeutet Alarm. Doch längst sind es nicht nur schlechte Noten, die Eltern dazu bewegen, das Portemonnaie für die private Nachhilfe weit zu öffnen. Grundschülern soll mit guten Zeugnissen der Weg auf die gewünschte weiterführende Schule geebnet werden. Und auch die Aussicht auf eine Lehrstelle oder den Traumstudiengang verbessern sich mit den entsprechenden Noten. Das alles sorgt für steigende Anmeldezahlen bei den kommerziellen Nachhilfeinstituten.

Gute Noten ohne Pauken? Schleimen will gelernt sein

Wer in der Schule gute Noten haben will, muss nicht unbedingt besonders schlau sein. Wichtig ist auch: Der Draht zum Lehrer muss stimmen. Wir geben euch wichtige Tipps, wie Ihr Eure mündlichen Noten ganz ohne tägliches Pauken aufpolieren könnt. © dpa
Melde dich, auch wenn du gar keine Ahnung hast. Beim Melden gilt: Der Finger darf erst nach oben, wenn sich mindestens sechs Leute bereits gemeldet haben. Sonst ist das Risiko zu groß. Solltest du doch drankommen, w iederhole einfach, was bereits der Vorgänger gesagt hat. © dpa
An deiner Schule wird gestreikt? Nichts wie ab mit dir ins Klassenzimmer. Dort kannst du dich mit deinem Lehrer über die Unreife deiner Mitschüler austauschen oder über den Sinn einer Demonstration diskutieren. Wichtig: Den Mitschülern später erzählen, dass du Brechreiz hattest und den Schulstreik leider auf dem Klo verbringen musstest. © dpa
Dein Lehrer wird auf „Spick mich“ fertig gemacht? Starte kurz vor der Stunde eine Diskussion über die Aussagen deiner Mitschüler auf dem Portal. Betone, dass der Unterricht von ihm doch gar nicht sooo schlecht sei. Nicht vergessen: Die Tür zum Klassenzimmer sollte offen stehen, sonst bekommt der Lehrer im Gang von deiner Aktion nichts mit. © dpa
Dein Lehrer hat ein besonderes Hobby? Dann kannst du beim Schulausflug mit einem Vorschlag Punkte sammeln. „Ach Herr X, der Besuch einer Orchideenzuchtstation wäre doch fantastisch.“ Die Kunst dabei: Was beim Lehrer glaubhaft ankommen muss, sollte von deinen Mitschülern als echter Brüller wahrgenommen werden. © dpa
Stelle blöde Fragen. Nichts ist so wirkungsvoll und zeigt dein geheucheltes Interesse besser. Voraussetzung ist, dass du dem Unterricht zumindest teilweise folgst. Bitte den Lehrer nie mit zu schwierigen Fragen überfordern. Offenbarst du sein Unwissen, wird er dir das nie verzeihen. © dpa
Zeige deinem Lehrer, dass sein Job nicht völlig sinnlos ist. Sage gelegentlich etwas Kluges. Das meiste steht in deinem Schulbuch. Einfach ablesen. © dpa
Wisch die Tafel. Dabei solltest du immer den letztmöglichen Moment abwarten. Der Lehrer muss dein Engagement ja auch bemerken. Auch hier gilt: Tue Gutes und rede darüber. „Also nächste Woche kann wirklich mal jemand anderes die Tafel wischen.“ © dpa
Frage deinen Lehrer nach der Stunde nach Lektüretipps. Das Problem dabei: Du musst nach ein paar Wochen zumindest in die Werke reingelesen haben. © dpa
Nutze die modernen Medien: „Herr Lehrer, steht dazu auch ein Beitrag im Internet?“ © dpa
Zeige ökologisches Bewusstsein. Besonders bei Biologielehrern ist es wichtig, sich als weltoffener Mensch mit einem Verständnis für Klimapolitik und gesunder Ernährung zu präsentieren. Bestes Beispiel: Den Mc Donalds um die Ecke meiden und sein eigenes Vollkornbrot mitbringen. © dpa
Rede über deine außerschulischen Engagements.  Nichts zieht so gut, wie im richtigen Moment einfließen zu lassen, dass du am Wochenende auf einer politisch korrekten Demo warst. Auch hilfreich bei der Image-Pflege: „Herr Lehrer, was würde eigentlich gegen eine einheitliche Schulkleidung sprechen?“ © dpa
Schaue gespannt auf das Gesicht deines Lehrers. Nichts ist so wichtig wie die Optik. Selbst wenn der Unterricht zum Sterben langweilig ist, musst du interessiert schauen. Denke dabei einfach an etwas Schönes und schenke der Lehrkraft in regelmäßigen Abständen ein Lächeln. © dpa

Mittlerweile rund 1,1 Millionen Schüler bekommen regelmäßig bezahlte Nachhilfe, heißt es in einer Studie der Bildungsforscher Klaus und Annemarie Klemm für die Bertelsmann Stiftung (Gütersloh). Das ist etwa jeder achte (12,2 Prozent) der insgesamt neun Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen. Eltern geben dafür jährlich zwischen 942 Millionen und knapp 1,5 Milliarden Euro aus.

Der Bundesverband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen schätzt die Zahl der kommerzielle Anbieter in Deutschland auf rund 4000. Mehr als 2400 davon sind in dem Verband organisiert. “Die individuelle Förderung steht bei uns im Vordergrund“, sagt Verbandssprecherin Andrea Heiliger. “Und das sind nicht nur die wohlhabenden Eltern.“ Viele würden für die “Karriere“ ihrer Kinder bei Handy, Spielzeug oder Urlaub sparen. “Vielleicht haben die Eltern auch etwas das Vertrauen in die öffentlichen Schulen verloren.“ Das sei auch an den steigenden Anmeldezahlen der Privatschulen ablesbar.

Lehrergewerkschaft GEW: Dramatische Entwicklung

Die Lehrergewerkschaft GEW spricht von einer dramatischen Entwicklung. Die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem werde nochmals verstärkt, wenn individuelle Förderung vom Geldbeutel der Eltern abhänge, mahnt die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer. Kinder aus benachteiligten Familien hätten es ohnehin schwerer in der Schule.

“Die individuelle Förderung ist eigentlich die Aufgabe der Schulen“, betont Demmer. Aber die Kultusminister machten es sich einfach, wenn sie diese Aufgabe den Schulen zuweisen, sie aber gleichzeitig nicht mit den notwendigen personellen und materiellen Ressourcen ausstatten. Hier entstehe ein Parallelsystem zum öffentlichen Schulwesen. “Darum müsste die Schulaufsicht auch die Aufsicht über diese Nachhilfeeinrichtungen übernehmen“, fordert die GEW seit Jahren.

Wie erfolgreich ist private Nachhilfe?

Unklar ist, wie erfolgreich die private Nachhilfe ist. Es gebe keine belastbaren Untersuchungen, “ob sich das Lernen der Kinder durch diese Nachhilfe nachhaltig verbessert“, sagt Demmer. Auch die Autoren der aktuellen Studie betonen, dass für eine Einschätzung die entsprechenden Untersuchungen fehlen. Und der Berliner Bildungsökonom Dieter Dohmen warnte 2008 vor schwarzen Schafen unter den Nachhilfeinstituten, etwa solchen, die Verbindungen zu Scientology oder der rechtsextremen NPD haben.

Die Bertelsmann-Stiftung sieht in dem Trend ein ernstzunehmendes Signal. Die Eltern seien offenbar mit dem Schulsystem unzufrieden, sagt Bildungsexperte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Stiftung. Ziel eines chancengerechten und qualitativ guten Schulsystems müsse es sein, Nachhilfe weitestgehend überflüssig zu machen. “Dass das möglich ist, zeigen internationale Beispiele wie Finnland, Kanada oder die Niederlande. Dort kommen Schüler weitgehend ohne Nachhilfe aus.“

dpa

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