Handyverbot am Steuer wird massenhaft ignoriert

Kassel. Kann man mit Handy oder Smartphone Menschen umbringen? Natürlich kann man. Im November verurteilte das Landgericht Stuttgart eine 21-Jährige wegen versuchten Mordes zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung.

Die Frau hatte laut Urteil unterwegs hinterm Lenkrad eine SMS getippt. Neun Sekunden mindestens soll sie aufs Smartphone und nicht auf die Bundesstraße vor ihr geschaut haben. Das Auto erfasste ungebremst zwei Rennradler, einer starb, der andere wurde schwer verletzt. Mordversuch deshalb, weil die 21-Jährige in Panik losraste, ohne zu helfen.

Fast 400.000 Autofahrer sind 2014 mit dem Handy am Steuer erwischt worden. 60 Euro Bußgeld? Egal. Auf Dauer vielleicht doch nicht: Das Oberlandesgericht Hamm hat jüngst einem Mann, der in drei Jahren dreimal zu schnell und zweimal mit Handy erwischt wurde, einmonatiges Führerscheinverbot verpasst.

Experten gehen davon aus, dass Ablenkung mindestens jeden zehnten Unfall verursacht. Ganz oben stehen dabei Simsen und Telefonieren. Beides nennen Unfallforscher die „stillen Killer“: Telefonieren beim Fahren lenke genauso ab wie Fahren mit 0,8 Promille Alkohol im Blut. Wer SMS tippe, sei wie mit 1,1-Promille-Rausch unterwegs, sagte Mark Vollrath von der TU Braunschweig kürzlich bei einer Tagung des Verkehrssicherheitsrats (DVR) in Bonn.

Die Statistik hinkt hinterher: „Bislang wird Ablenkung als Ursache bei der Unfallaufnahme nicht erfasst“, sagte dort Dieter Müller von der Hochschule der sächsischen Polizei. Auch im Verdachtsfall ist es für Ermittler aus Datenschutzgründen kompliziert, Handys in Unfallautos auszuwerten. So klar wie beim tödlichen Crash einer jungen Frau im Juli 2003 nahe Wolfenbüttel liegen Dinge nicht immer: Die 24-Jährige war gegen einen Baum gerast. Auf dem Handy neben der Toten blinkte eine angefangene SMS.

Der Deutsche Verkehrsgerichtstag empfahl Anfang 2015, Autos so auszustatten, dass beim Fahren Navi-Eingaben und Textnachrichten für den Fahrzeuglenker blockiert sind. Gute Idee? Das Verkehrsministerium ließ unsere Anfrage unbeantwortet. Gute Idee? Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) sagte im Februar im SWR: „Das Einzige, was wirklich helfen würde, wäre das Telefonieren zu unterbinden, etwa durch Störsender. Dazu wird weder die Politik bereit sein, noch die Autohersteller.“

Mehr Daten sammeln, Handy-Sicherstellung nach Unfall bundesweit regeln, Smartphones im Straßenverkehr ächten: Ratschläge der DVR-Tagung klingen eher hilflos. Noch versuchen Verbände und Politik mit Kampagnen wie „Ablenkung kommt nicht in die Tüte“ oder „Tippen tötet“, Autofahrern Handy-Enthaltsamkeit schmackhaft zu machen. Zugleich verspricht Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) bis 2018 schnelles Internet auf allen Autobahnen.

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