Somalier wartet seit zwei Jahren auf Termin beim Flüchtlingsamt

Gut fünf Monate beträgt momentan die Durchschnittsbearbeitungszeit für einen Asylantrag. Allerdings nicht für alle: Wer etwa aus Somalia kommt, muss auch mal zwei Jahren warten.

Zwei Jahre schon lebt Ali Mohamed Sharif in Osnabrück. Genauso lange wartet er auf die Entscheidung über seinen Asylantrag. Warum das so lange dauert? Der 20 Jahre alte Somalier zuckt mit den Achseln. "Keine Ahnung", sagt er in fließendem Deutsch. Die Sprache kann er, er hat Sprachkurse besucht und aus eigener Tasche bezahlt. Ebenso einen Integrationskursus, den er glänzend abgeschlossen hat: 32 von 33 Punkten steht auf dem Zeugnis. Bald will er heiraten. Doch eine Antwort auf seinen im November 2013 abgegebenen Asylantrag hat er noch nicht. Er ist geduldet - das heißt, die beteiligten Behörden verzichten vorerst auf eine Abschiebung.

Vielleicht tut sich bald etwas. Inzwischen habe der junge Mann einen Termin zur Anhörung, erzählt sein Anwalt Andreas Neuhoff. Der Fall Sharifs ist ein bisschen kompliziert: Der junge Afrikaner war seinerzeit über Ungarn nach Deutschland gekommen, nachdem er gute zwei Jahre in der Türkei verbracht hatte, erklärt der Anwalt. Kurz nach der Einreise lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) den Asylantrag ab, ohne ihn angehört zu haben.

Sharif war ein sogenannter Dublin-Fall: Zuständig für das Asylverfahren ist gemäß den Dublin-Richtlinien das Land, in das der Asylbewerber zuerst in die EU eingereist ist. Aber die Rücküberstellungsfrist verstrich, nichts tat sich. Inzwischen hat Sharif Chancen, in Deutschland als Asylbewerber anerkannt zu werden. Ende Oktober bekam der Anwalt einen Termin vom BAMF: Am 2. Dezember soll Sharif seinem Sachbearbeiter vom Bundesamt über seine Fluchtgründe erzählen - erstmals seit zwei Jahren.

Im Durchschnitt dauern die Asylverfahren des BAMF nach Angaben des Amtes etwas mehr als fünf Monate. Aber wegen der immens angestiegenen Flüchtlingszahlen arbeitet die Behörde Anträge von Menschen aus den Westbalkanstaaten und aus Syrien mit Vorrang ab. Das Nachsehen haben zum Beispiel Menschen aus Afrika, wie Ali Sharif.

Er ist vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Somalia geflohen. "Ich bin im Jemen aufgewachsen", erzählt er. Seit 1997 lebte er mit seiner Familie in dem Land. Seine Familie wollte vor dem Terror der islamistischen Miliz Al-Shabab fliehen. Zwischenzeitlich sei seine Familie mit drei Brüdern und einer Schwester wieder nach Somalia zurückgegangen, weil die Situation im Jemen gefährlich ist. Ein Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida verübt immer wieder Anschläge in dem Land, es herrscht auch hier ein Bürgerkrieg.

Aber Sicherheit gebe es auch in Somalia nicht. So gefährlich die Situation im Jemen auch sei, seine Familie wolle wieder dorthin zurück. Besonders wegen seines 14-Jährigen Bruders. "Ab 14 Jahren ist das sehr gefährlich. Al-Shabab nimmt die Jungen in dem Alter und sagt, du musst bei uns mitmachen oder du bist tot." Oder die Familie müsse viel Geld bezahlen.

Seit einigen Wochen lernt Ali Sharif Maler und Lackierer bei der Osnabrücker Firma Schmidtwilken. Es sei ein wunderbarer Beruf: "Man macht alte verbrauchte Dinge wieder neu und schön." Die Ausbildungsstelle zu finden, sei schwer gewesen, erzählt Sharif. Die Handwerkskammer hatte schließlich den Kontakt zum Ausbildungsbetrieb vermittelt.

Sharif habe bei einem einwöchigen Praktikum einen "super Eindruck" gemacht, sagt sein Chef, Stefan Schmidtwilken. Zeugnisse seien nicht so wichtig, wichtiger sei die handwerkliche Begabung. Außer Sharif habe er auch noch einen weiteren Flüchtling als Lehrling angestellt - einen Syrer, 40 Jahre alt, der schon seit 14 Jahren in Deutschland lebt. Beide hätten gute Praktika abgeliefert.

Mit den beiden weiteren Lehrlingen, die er bereits ausbilde, seien das eigentlich zu viele Auszubildende für den 18-Mann-Betrieb, sagt Schmidtwilken. "Letzten Endes haben wir uns aber doch für beide entschieden. Der Syrer hat ja sonst keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt. Die Gesellen sagen, beide sind zu was zu gebrauchen, das kann was werden."

Schmidtwilken rechnet damit, dass nicht alle Kunden einen Flüchtling auf der Baustelle akzeptieren werden. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Beten. Sharif habe gefragt, ob es in Ordnung sei, wenn er während der Arbeitszeit bete. "Ich kann mir schon vorstellen, dass es Beschwerden gibt, wenn wir auf Zeit arbeiten, und er breitet seinen Gebetsteppich aus", sagt der 52-Jährige Handwerksmeister. Er habe mit Sharif noch nicht darüber gesprochen. "Das muss man sehen, wie man damit umgeht", meint er.

Er selber sei auch ein religiöser Mensch. "Ich bin katholisch, bin auch im Kirchenvorstand." Die Welt werde kleiner, wachse zusammen. Menschen mit verschiedenen Religionen müssten miteinander klar kommen, auch in diesem Land. "Das ist Multikulti."

Der Firmenchef denkt auch an andere kulturelle Unterschiede. Er frage sich etwa, wie Sharif mit Frauen umgehen werde. In seinem Betrieb arbeiten auch weibliche Gesellen. "Irgendwann werden sie alleine miteinander arbeiten müssen", sagt Schmidtwilken. Da werde man dann sehen, wie es klappt. Bislang mache sein neuer Azubi aber einen guten Eindruck, er sei freundlich, aufgeschlossen und gehe auch gut mit den Kunden um.

Der Handwerksmeister sieht in dem Engagement für seine beiden Flüchtlinge ein Zeichen. "Es ist für mich eine wichtige Sache, dass wir auch Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen, und dass wir keine Zäune errichten", sagt der Vater von drei Töchtern. Wenn Deutschland auch nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne - er wolle seinen Teil dazu beitragen, dass sie willkommen sind.

Ali Sharif hat schon weitere Pläne. Er will heiraten. Seine Verlobte, eine Deutsche türkischer Abstammung, habe er in der Moscheegemeinde kennengelernt. In zwei bis drei Monaten sei es soweit, sagt er. Seine künftigen Schwiegereltern unterstützten ihn, wo es gehe. "Die sind sehr nett, sie sind sehr, sehr gut zu mir. Ich bin aus einem anderen Land, Ausländer, Asylbewerber, ich hatte zuerst keine Arbeit, keine Ausbildung, trotzdem haben sie mir ihre Tochter gegeben." Er hofft, dass er bald einen Termin vom Standesamt bekommt.

Wenn es dumm läuft, könne sein Asylantrag auch abgelehnt werden, sagt Anwalt Neuhoff. Obwohl Sharif fleißig, wissbegierig und tüchtig ist, schon gut Deutsch kann und auf dem besten Wege ist, sich zu integrieren. (lni)

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