Dieses Jahr schimpfen Ilse Aigner (CSU) und die AfD

Sommerzeit ein ewiger Zankapfel: Kritiker wollen Uhr nicht dauernd umstellen

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Zeiger eine Stunde vor: Als gestohlene Stunde empfinden viele Deutsche die Umstellung auf die Sommerzeit.

Kassel. Sie kommt Jahr für Jahr so zuverlässig wie die Sommerzeit: die Forderung nach Abschaffung derselben. „Weg mit dem lästigen Uhrenumstellen“ tönte es zum Beispiel 2009 vom Bezirksparteitag der Nordhessen-SPD.

2013 mahnten Südniedersachsens Europa-Abgeordnete Godelieve Quisthoudt-Rowohl (CDU) und der Satiriker Martin Sonneborn dasselbe an. Jetzt, kurz bevor in der Nacht zum Sonntag Uhrzeiger wieder eine Stunde vorgedreht werden, machte sich die europakritische Mini-Partei AfD zum Sprachrohr der Sommerzeithasser.

Und Ex-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner: Ewig Sommerzeit und im Herbst wieder zurück - das nervt die CSU-Frau, die im bayerischen Kabinett für Wirtschaft zuständig ist. Probleme mit der Umstellung des Schlaf-Wach-Rhythmus führt Aigner ins Feld, Extraarbeit für die Macher von Schicht- und Fahrplänen, Klagen von Bauern, dass Kühe veränderte Melkzeiten nicht gut abkönnen.

Einfach aussteigen geht nicht

• Die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) wechselt sich ab mit der Normalzeit (MEZ). Winterzeit ist nur Umgangssprache.

• Sommerzeit-Pflicht gab es in Deutschland vorher schon zu Kriegszeiten (1916 bis 1918, 1940 bis 1945, vom 1. April 1940 bis 2. November 1942 sogar durchgehend)

• In der Sowjetischen Besatzungszone und Berlin gab es 1945 sogar eine Hochsommerzeit (+ 2 Stunden statt nur einer zur MEZ). Sie galt 1947 in ganz Deutschland.

• Die europäischen Sommerzeiten wurden 2001 per Richtlinie 2000/84/EG verbindlich harmonisiert. Sie gilt auf unbestimmte Zeit. Einfach aussteigen geht nicht. Bislang habe auch kein Mitgliedstaat die Absicht geäußert, die Sommerzeit abzuschaffen, so die EU-Kommission auf Anfrage. (wrk)

Was Aigner stört und mehr hat auch der Arzt Hubertus Hilgers auf der Internetseite www.openpetition.de beklagt: Über 55 000 Unterstützer fand er 2013 für seine Anti-Sommerzeit-Kampagne.

Der Petitionsausschuss des Bundestages prüft unter Nummer 46 575 schon ein gleichlautendes Bürgerbegehren: „Es ist widersinnig, wenn der Mensch glaubt, sich den Gang der Sonne und der Zeit so zurechtbiegen zu müssen, wie er es aus ökonomischen Gründen für angebracht hält.“ Ob und wann das Parlament sich damit befasst, ist völlig offen.

Müde Schulkinder, Arbeitnehmer, die nach der Zeitumstellung vermehrt zu spät kommen, steigende Einnahme von Schlafmitteln und Antidepressiva, Appetitlosigkeit, Verdauungsprobleme - die Warnlisten von Kritikern sind lang.

1980 hatte die Bundesrepublik erstmals nach jahrzehntelanger Pause wieder die Sommerzeit ausgerufen. Nur Büsingen am Hochrhein fehlte: Das Dorf nahe Konstanz, kleine Exklave auf Schweizer Gebiet, folgte erst 1981, zusammen mit der Schweiz und der DDR. Gegner und Befürworter gab es schon damals. Die DDR drohte, die Sommerzeit nach nur einem Jahr zu kippen. Berlin wäre so nicht nur durch Mauer und Stacheldraht, sondern in zwei Zeitzonen getrennt worden.

Vom Hauptargument der Sommerzeit-Befürworter aus damaliger Zeit ist nicht viel geblieben. Unter dem Schock der Ölkrise von 1973 machten sie folgende Rechnung auf: Die Uhr im Sommer eine Stunde vorzustellen, heißt das Tageslicht besser ausnutzen. Und das spart Strom.

Zugleich aber wird aber mehr Heizenergie verbraucht, weil das Aufstehen mit der Sommerzeit mehr in die morgendliche Kühle rückt, konterte des Umweltbundesamt (UBA) schon im Jahr 1995 nach wissenschaftlicher Recherche. So viel mehr, dass die Einsparung beim Lichtstrom das nicht wettmacht.

Von Wolfgang Riek

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