Diebstahl von Solarmodulen: Sonnenstrom für den Schwarzmarkt

Kassel. Früher braucht man noch lange Leitern, heute reichen Kaltblütigkeit, Spezialwerkzeug und ein oder zwei jener PS-starken Transporter, die lässig jeden Kleinwagen überholen.

Der Diebstahl von Solarmodulen, früher eher ein Job für Dachkletterer, bleibt wie die Sonnenstromanlagen auch zunehmend am Boden. Von 2011 bis Ende 2014 registrierten Deutschlands Ermittler bundesweit mehr als 1880 Diebstähle von Modulen oder Zubehör mit einem Gesamtschaden von mindestens 15 Millionen Euro, meldet die Süddeutsche Zeitung nach einer Umfrage unter den Landeskriminalämtern. Nur die Spitze des Eisberges: Mehrere Länder weisen Solarklau in ihrer Statistik nicht gesondert aus, andere erst seit 2014.

Zäune, Zufahrtsbarrieren, Videoüberwachung, Wachdienst-Kontrollen, Chips in den blauschimmernden Platten, die über Satellit geortet werden - egal: Am liebsten nachts und am Wochenende holen sich gut organisierte Banden aus riesigen Freiflächen-Anlagen Dutzende, zuweilen Hunderte Solarmodule. Große Sonnenstrom-Parks liegen oft weit draußen, auf alten Müllkippen, Flugplätzen, Kasernen oder an Autobahnen - zuweilen fällt der Schwund den Betreibern erst nach Tagen auf.

2011 registrierte das Landeskriminalamt Hessen 69 Solarklau-Fälle. Aufgeklärt wurden ganze vier, Schaden: knapp 396 000 Euro. Nur 55 Diebstähle wurden im vergangenen Jahr notiert, 22 davon sind aufgeklärt. Der Schaden hat sich mit 794 000 Euro gegenüber 2011 aber verdoppelt.

Experten sprechen von einer Solarmafia: Polizeimeldungen lassen ahnen, dass in Deutschland ein Schwarzmarkt für Hehlerware existiert. Auch von Absatzzielen in Nordafrika ist die Rede. Der größere Teil aber wandert wohl in die Sonnenstrom-Produktion nach Polen oder noch weiter östlich. Vor Jahren schaffte in Brandenburg die LKA-Sonderkommission Sonne etwas Ruhe, die neue Soko Helios schnappte im Mai acht Polen nach Beutezügen durch mehrere Bundesländer, ihr Fiat-Transporter randvoll mit Sonnenstrom-Elementen.

Autobahn nach Osten 

An der A11 und der A12, die aus Berlin zur Ostgrenze führen, halten Fahnder regelmäßig Klein-Lkw an: 180 Solarmodule eines Energieparks nahe Hildesheim wurden so im März 2014 kurz vor Polen gestoppt. 200 Stück, noch nass vom nächtlichen Regen, waren es Mitte Oktober, 350 auf einen Schlag im Monat darauf. Die Fahrer, oft ohne Papiere, tun meist ahnungslos. Mit Peilsendern unter verdächtigen Autos, abgehörten Telefonen und Handyspurenverfolgung versucht die Polizei Hintermänner aufzuspüren. Das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden geht laut SZ davon aus, dass mit Ausbau der erneuerbaren Energien der Solarklau steigt.

Manchmal ist so viel zu holen, dass Banden wiederkommen: In einem Park bei Cottbus wurden erst 150 Module abgeschraubt, ein paar Nächte später 30 Wechselrichter. Oder Nordhessen: Ende Mai 2014 kamen dem riesigen Solarfeld der Stadtwerke Wolfhagen 120 Module abhanden, eine Woche später einem Park in Bad Arolsen 147 - geklärt ist offenbar keiner der Fälle.

Hintergrund

• 1,5 Millionen Solarstrom-Anlagen waren Ende 2014 nach Branchenangaben in Deutschland montiert, die kleinen in begriffen. Das schafft Begehrlichkeiten: Kürzlich flog eine Bande in Osthessen auf, die über Jahre im Raum Fulda und im nahen Thüringen mindestens 16 Solaranlagen gestohlen haben soll.

• Ein einheimisches Trio, das Wechselrichter für 100 000 Euro aus einem Solarpark in Treysa geklaut hatte, flog schnell auf. Über eine Seriennummern-Meldung war die Ware schon als gestohlen bekannt, als sie im Internet angeboten wurden.

• Zuweilen geht’s schief: In Beeskow/Brandenburg waren 327 Module auf einen Lkw verladen. Der blieb im Sand stecken, die Diebe flohen zu Fuß.

• Frank Fiedler betreibt im thüringischen Meiningen einen Internethandel für gebrauchte Sonnenstromtechnik, „eine Art Ebay der Solarbranche“. Daneben hat er eine PV-Diebstahldatenbank ins Netz gestellt - in Kooperation mit BKA und Landeskriminalämtern, so Fiedler auf Anfrage unserer Zeitung. Das soll Hehlern das Handwerk legen, indem Diebesbeute schon im Netz identifizierbar wird. Fiedler vermutet, dass längst nicht alle Beutezüge durch Solarparks gemeldet werden: Versicherer strichen zum Teil den Schutz oder erhöhten mindestens die Prämien.

http://www.pv-diebstahl.de

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