Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft

Merkel und das weinende Mädchen: ein Kommentar

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Emotionaler Moment: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beugt sich am Mittwoch während einer Bürgerveranstaltung in Rostock zu einem Flüchtlingsmädchen palästinensischer Abstammung. Das Kind im olivgrünen Kleid weinte, weil seine Familie möglicherweise abgeschoben wird.

"Erst streicheln, dann abschieben.“ So und böser waren die Reaktionen auf die bemerkenswerte Begegnung der Kanzlerin mit einem palästinensischen Flüchtlingsmädchen in Rostock. Dazu ein Standpunkt HNA-Korrespondent Werner Kohlhoff:

Das Video verbreitete sich schnell, ebenso die Attacken auf Twitter. Auch führende Grünen-Politiker beteiligten sich.

Hätte Angela Merkel der offenbar sehr gut integrierten Schülerin, die wegen einer möglichen Abschiebung weinte, versprechen sollen: „Du darfst bleiben“? Noch ist das Asylrecht keines von Kanzler-Gnaden, sondern von Parlamenten entschieden worden.

Weinendes Flüchtlingskind bringt Merkel aus dem Konzept

Merkel hat mitfühlend reagiert. Auch als Frau, der es nicht peinlich ist, jemanden tröstend in den Arm zu nehmen, wenn auch etwas hölzern. Für viele Bürger sind Politiker weit weg, je höher sie sind, umso weiter. Diese Distanz ermöglicht erst das Vorurteil, Politiker seien eigentlich keine Menschen mit Gefühlen. Das sind sie aber. Sie leben in Familien, in kleinen wie großen Städten, in Nachbarschaften. Sie erleben Probleme und haben welche.

Reaktionen im Internet

Angela Merkel ist in der DDR aufgewachsen, als Pfarrerstochter, und das war kein Honigschlecken. Wolfgang Schäuble hat Frau und Kinder und sein Schicksal als Behinderter. Sigmar Gabriel hat ein sehr bewegtes privates Leben hinter sich, inklusive Nazi-Vater. Man soll Politikern nicht pauschal unterstellen, dass sie seelenlos seien. Die emotionalen Seiten von Themen, die ihnen als Beschluss auf den Tisch kommen, bekommen sie bloss nicht immer mit.

Das gilt aber auch für alle anderen Bürger. Viele Deutsche wissen doch zum Beispiel nicht, wie die griechische Sozialarbeiterin fühlt, die zwei Kinder hat, die sie mit ihrem auf 900 Euro gekürzten Gehalt durchbringen muss, weil ihr Mann arbeitslos geworden ist. Und deren Aufgabe es aktuell ist, verarmte Rentner vom Selbstmord abzuhalten. Auch sie weinte, es war bei einer Pressebegegnung in Athen.

Es ist wahrscheinlich, dass die Rostocker Szene in Angela Merkel haften bleibt, auch wenn sie ihre Entscheidungen in der Ausländerpolitik nicht daran ausrichten kann und wird. Es ist ein hartes Erlebnis gewesen, für beide Beteiligten. Man muss sich wünschen, dass Politiker möglichst oft solche Erlebnisse haben. Und wenn es geht ohne die ganze Häme des Netzes.

E-Mail an den Autor: nachrichten@hna.de

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