Standpunkt zur Sterbehilfe: "Albtraum des langen Sterbens"

Es gibt einen neuen Vorstoß in Sachen Sterbehilfe: Eine Fraktionsübergreifende Initiative will auch Rechtssicherheit für Ärzte erreichen. Dazu ein Kommentar von dem Leiter der HNA-Nachrichtenredaktion Tibor Pésza.

Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, formulierte das Dilemma unlängst vor dem Evangelischen Juristenforum in Kassel so: „Wir bezahlen die Erfüllung des Traums vom langen Leben mit dem Albtraum des langen Sterbens.“ Tatsächlich vollzieht sich vor unseren Augen jene irrlichternde Energie, welche Juristen die „normative Kraft des Faktischen“ nennen. Wenn nur genügend Menschen meinen, dass erlaubt sein sollte, was bis dahin als verboten galt, dann dauert es nicht mehr lange, bis das Alte kippt und das Neue zur Norm wird.

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Zwar gibt es in Deutschland kein Gesetz, das Sterbehilfe verbietet. Das fünfte biblische Gebot „Du sollst nicht töten“ gehörte einmal zum Kern unseres Selbstverständnisses. Doch offenbar ist es nicht mehr selbstverständlich – auch wenn es nur um Beihilfe zur Selbsttötung geht.

Angst ist ein mächtiger Antrieb. Niemand will qualvoll sterben. Niemand will einsam und ohne Heilungs-Chancen leiden. Und so ist es längst keine schweigende Mehrheit mehr, die keinesfalls in den Albtraum des langen Sterbens geraten mag und nach Garantien dagegen sucht. Selbst hoch angesehene Menschen wie der katholische Theologe Hans Küng und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, verteidigen das Recht auf – ja worauf eigentlich genau?

Ganz gleich, ob wir nur über eine assistierte Selbsttötung sprechen oder über Tötung auf Verlangen: Wohl kein anderes Thema hat eine solche Wucht, erschüttert unser Selbstverständnis und unser Verständnis von Menschenwürde in einem solchen Maße.

Könnte es wirklich Standard werden, Menschen zum Tod zu verhelfen? Sehen wir eine Selbsttötung wirklich nur als Angelegenheit einer einzelnen Person und nicht etwa auch seiner Familie, seiner Freunde? Sind es nicht oft sie, von denen wir unsere vermeintlich eigenen Entscheidungen abhängig machen? Was bedeutet es, in einer Gesellschaft zu leben, in der das Da- und Sosein begründungsbedürftig wird? Angst ist kein guter Ratgeber. Erst recht nicht in existenziellen Fragen. Wir sollten vorsichtig sein.

Kontakt zum Autor: tpa@hna.de

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