Standpunkt zum Umgang mit Tugces Tod: Was wir nicht wissen

Der Tod der Studentin Tugce berührt uns alle - und doch haben die öffentlichen Reaktionen auf ein Ereignis, über das wir noch wenig wissen, etwas Überspanntes, meint HNA-Redakteur Ullrich Riedler.

In dieser an Grausamem, Furchtbarem und Tragischem so quälend reichen Zeit hat es zuletzt vieles gegeben, das uns erschütterte. Doch ein Gesicht hatte die Tragödie nur selten. Am Ende des Jahres bekam sie es: das einer jungen Frau mit großen Augen und großem Herzen. Eine, die ihr Leben gestalten und später als Lehrerin arbeiten wollte. Und die in einer furchtbaren Konfliktlage einschritt, um Menschenwürde und Zivilisiertheit zu verteidigen.

Jetzt ist sie tot - gestern wurde Tugce zu Grabe getragen. Auf dem Friedhof wehten die türkische und die deutsche Flagge - wie bei einem Staatsbegräbnis. Sie war die „Heldin“ , ein „Engel“ - der noch nach dem Tod das Bundesverdienstkreuz erhalten soll.      Über 100 000 Menschen hatten dafür innerhalb kurzer Zeit eine Online-Petiton unterschrieben, der Bundespräsident lässt sie nun prüfen. Ungewöhnlich war die Anteilnahme selbst auf dem Fußballplatz: Nach seinem Torjubel riss sich ein Spieler der Frankfurter Eintracht das Trikot hoch, um sein Hemd zu zeigen, auf dem stand: „Tugçe = Zivilcourage + Engel + Mut + Respekt.“

Man mag all das anrührend, menschlich und wunderbar finden. Das ist es auch, zweifellos. Natürlich ist unser Bedürfnis nach dem guten, richtigen, vorbildlichen Handeln groß. Und es wächst ins Gigantische, wird es von einer mutigen Frau vollbracht, die sich für Schwächere einsetzt, die angegriffen werden.

Es bleibt allerdings auch etwas Überspanntes in diesen Reaktionen. Wieviel wissen wir wirklich über den genauen Hergang? Noch zu wenig. Einiges, vielleicht sehr Wichtiges, liegt im Nebel des Ungefähren. Warum leisten wir uns nicht mehr die Zeit zum Durchatmen, zur Besinnung, Reflexion über möglicherweise Zwiespältiges. Und, ja, auch das, zur stillen Trauer, die der Verstärkung in öffentlichen Internet-Foren überhaupt nicht bedarf?

Der Ruf nach Zivilcourage erklingt seit Tugces Tod immer wieder. Doch dass Reaktionen auf Unrecht im Einzelfall immer wieder anders aussehen können, geht im allgemeinen Pathos und der Betroffenheit unter. Womöglich liegt hier auch das eigentliche Drama dieser jungen Frau: Sie wollte das Richtige tun, tat aber vielleicht das Gegenteil. Wir wissen es nicht.

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