Kritik aus eigenen Reihen an Steinbrücks "Egotrip"

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Die Politiker Peer Steinbrück (SPD, l) und Altkanzler Helmut Schmidt (M) sind zu Gast in der von Günther Jauch moderierten Talkshow "Günther Jauch" am Sonntag

Berlin - Peer Steinbrück rührt die Werbetrommel in eigener Sache und holt sich für eine mögliche Kanzlerkandidatur sogar die Unterstützung von Altkanzler Schmid. Doch in der Partei macht er sich damit nicht beliebt.

1979 begegnete Helmut Schmidt Peer Steinbrück zum ersten Mal. Der eine war Bundeskanzler, der andere Hilfsreferent im Bonner Kanzleramt. Sie verbindet nicht nur die hanseatische Herkunft und eine gewisse Distanz zur eigenen Partei, der SPD. Beide sehen sich auch als Experten in Sachen Finanzpolitik und gehören in der Bevölkerung zu den angesehensten Persönlichkeiten: Schmidt (92) wegen seiner Rolle als “Elder Statesman“. Steinbrück (64), weil die Bürger sein Wirken in der Finanzkrise als gut in Erinnerung haben.

Dass nun Schmidt mit den Worten “Er kann es“ Steinbrück zu seinem Mann für die SPD-Kanzlerkandidatur ausruft, ist wenig überraschend. “Er ist einer von denen, die wirklich wissen, worüber sie reden“, lobt Schmidt. Die seit Wochen anhaltende Kandidatendiskussion um den früheren Bundesfinanzminister dürfte durch die Veröffentlichung eines gemeinsamen Buches (“Zug um Zug“ ) weiter befeuert werden.

Bei der Parteilinken wird bereits vor einem “Egotrip“ Steinbrücks gewarnt, der als sehr von sich überzeugt gilt und in der Partei nicht unumstritten ist. Er selbst betont, die Kandidatenfrage stünde jetzt gar nicht zur Entscheidung an. Wenn die schwarz-gelbe Koalition nicht vorzeitig zerbricht, gibt es erst 2013 Bundestagswahlen und die K-Frage der SPD wird dann wohl frühestens Ende 2012 beantwortet.

Ausgerechnet in dieser Woche, wo es um die Zukunft des Euro geht, erreicht Steinbrücks Öffentlichkeitsoffensive aber dennoch einen neuen Höhepunkt. Zusammen mit Schmidt ziert er das Titelbild des “Spiegel“, und als Vertreter der “Klartext-Fraktion“ durften die beiden, die sich mit Vornamen anreden, aber hanseatisch korrekt siezen, alleine mit ARD-Talkmaster “Günther Jauch“ sprechen. Am Donnerstag erscheint dann ihr mit Spannung erwarteter Gesprächsband “Zug um Zug“, wo es auch um die Ursachen für die Eurokrise und den “Raubtierkapitalismus“ mit einer Entfesselung der Finanzmärkte geht.

Sie waren die Chefs der SPD

Sie waren die Chefs der SPD

Der Euro steht auch bei Günther Jauch am Sonntagabend im Fokus. Schmidt ist der erste Gast, der Zigarette um Zigarette rauchen darf und beim Sinnieren über die Eurokrise von Rauchschwaden umgeben ist. Der Altkanzler und Steinbrück sind sich einig, dass ein umfassender Rettungsansatz fehlt. “Es dauert ein bisschen zu lange, wie die gegenwärtig Regierenden in Berlin, in Paris und anderswo damit umgehen“, sagt Schmidt.

Steinbrück betont, notwendig sei künftig auch eine viel stärkere Regulierung des Finanzmarkts: “Die Politik erscheint als jemand, der erpressbar ist von den Märkten. Es werden Gewinne privatisiert, aber Verluste sozialisiert.“ Banken gingen hochgradige Risiken ein, aber haften müsse der Steuerzahler.

Auch wenn ihre Auftritte und Interviews vor dem Hintergrund der Buchveröffentlichung stattfinden, spielt die Kandidatenfrage im Hintergrund eine Rolle. Doch nicht Schmidt bestimmt den Kandidaten, sondern Parteichef Sigmar Gabriel hat das Vorschlagsrecht.

“Kanzlerkandidaten werden bei uns nicht ausgerufen, auch nicht von noch so verdienstvollen Politikern“, murrt Schleswig-Holsteins SPD-Landeschef Ralf Stegner, ein ausgewiesener Parteilinker, im “Tagesspiegel“. Es ist bisher eine Einzelstimme. Steinbrück selbst sagt, die Kanzlerkandidatenfrage werde er erst beantworten, falls Gabriel sie ihm stellen sollte. Auf Jauchs Versuche, ihm mehr zu entlocken, sagt er spöttisch: “Der Knochen ist jetzt abgenagt.“

Er hat aus eigenen Fehlern gelernt. Mitte Mai hatte er im Hessischen Rundfunk mit Blick auf die K-Frage gesagt: “Der Zeitpunkt wird kommen, wo ich mich in Absprache mit zwei oder drei Führungspersönlichkeiten der SPD darüber zusammensetze“. Dass hatte für böses Blut in der Partei gesorgt. “Selbstausrufungen sind in einer modernen demokratischen Partei wie der SPD aus der Mode gekommen“, monierte damals Generalsekretärin Andrea Nahles.

Die SPD sei gut beraten, jemanden wie Steinbrück als Kandidaten aufzustellen, denn Wahlen würden in der Mitte gewonnen, sagt Schmidt nun. Den Einwand von DGB-Chef Michael Sommer, die SPD brauche einen Kandidaten, der zuvor schon einmal Wahlen gewonnen habe, weist Schmidt im “Spiegel“ zurück: “Ich hatte auch keine Wahl gewonnen, als ich 1974 das Amt des Bundeskanzlers von Willy Brandt übernahm.“

In der Partei wird das Interesse an Steinbrück als hilfreich für Zugewinne in Umfragen empfunden, mittlerweile ist die SPD mit der Union fast gleichauf. Gabriel könnte sich aber auch selbst ins Rennen schicken oder den innerparteilich hoch geschätzten Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Bleibt die Euro-Krise das alles beherrschende Thema, wäre der für sein loses Mundwerk bekannte Steinbrück sicher ein erfolgversprechender Gegenentwurf zu Angela Merkel.

In einem Punkt übrigens ist Steinbrück angesichts der Krisenzuspitzung neuerdings anderer Meinung als sein Mentor. Während Schmidt den Euro nicht gefährdet sieht, glaubt Steinbrück, dass das Gegenteil der Fall ist.

dpa

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