Banken widersprechen

Stiftung Warentest: Abzocke bei Kreditzinsen?

Kassel. Eigentlich ist Geld im Moment so billig wie selten. Banken können es sich für nur 0,5 Prozent Zinsen bei der Europäischen Zentralbank leihen. Beim Kunden kommt das allerdings nicht an. Laut einer Erhebung der Stiftung Warentest sind die Zinsen für Dispositionskredite noch immer sehr hoch.

Die Spitzenreiter unter den Geldinstituten verlangen bis zu 14,75 Prozent, wenn das Girokonto überzogen wird.

Die Stiftung verglich für die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Finanztest“ die Konditionen von 1538 Banken und stießen auf große Unterschiede. Der günstigste Anbieter, die Volks- und Raiffeisenbank Uckermark-Randow, verlangte nur 4,2 Prozent. Der durchschnittliche Zins lag aber im zweistelligen Bereich, bei 11,31 Prozent. Noch höher werden die Zinsen, wenn Kunden den von den Banken festgelegten Rahmen überziehen, dann könnten, so die Tester, noch einmal drei bis sechs Prozent mehr anfallen.

Dabei seien es nach den Erfahrungen der Stiftung oft die kleineren Banken im ländlichen Raum, die ihre Kunden bei Überziehen des Kontos kräftig zur Kassen bäten. Stiftungsvorstand Hubertus Primus führt das auf ihre Monopolstellung zurück. Viele Kunden auf dem Land hätten nicht genug alternative Angebote. „Die größen Abzocker sind ausgerechnet die Kleinsten“, formuliert er drastisch.

„Geringe Ausfallquote“

Die Stiftung Warentest hält Zinsen von deutlich unter zehn Prozent für angebracht. Das Risiko für die Banken sei nicht enorm groß, denn es gebe kaum Verbraucher, die den Dispo nicht zurückzahlten. Die Ausfallquote, so Primus, liege gerade einmal bei 0,2 Prozent. Manche Banken hätten den Kunden als billige Geldquelle entdeckt.

Ein Vorwurf, den die Banken so nicht stehen lassen wollen. Die bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken warfen der Stiftung Warentest Stimmungsmache im Wahlkampf vor. Die Warentester mokierten sich ausschließlich über die Zinsen, klärten aber nicht über den Mechanismus auf, der hinter der Preisfindung stehe. Überziehungskredite seien ungesichert und damit für die Banken die teuerste Form, um Kredite zu gewähren. Der Präsident des Genossenschaftsverbandes Bayern, Stephan Götzl, nannte die hohen Zinsen „schlichtweg eine kaufmännische Erfordernis“.

In anderen Branchen werde das widerspruchslos hingenommen und sogar vom Gesetzgeber zugelassen, so Götzl. Als Beispiel verwies er auf Säumniszuschläge von monatlich einem Prozent oder jährlich 12 Prozent bei gesetzlich Krankenversicherten, die mit Beiträgen in Verzug seien.

Die Debatte um hohe Dispozinsen beschäftigt auch Politiker im Wahlkampf. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück fordert eine Obergrenze für Dispozinsen von acht Prozentpunkten über dem Leitzins, die Linken forderten einen Abstand von nur fünf Prozent. Die Bundesregierung lehnt eine gesetzliche Deckelung ab. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) regte ein Vergleichsportal mit den Gebühren aller Banken an.

Dispozinsen in unserer Region

Viele Banken, diese Erfahrung machten die Tester der Stiftung Warentest, halten sich bei Auskünften über Dispozinsen zurück. Die Preisangabeverordnung verpflichtet sie jedoch, den Zins im Preisaushang zu veröffentlichen. Beispiele aus der Region.

• Kasseler Bank: 12,70 Prozent

• Kasseler Sparkasse: 12,17 Prozent.

• Sparkasse Göttingen: 9,50 bis 13,50 Prozent.

• Sparkasse Werra-Meißner: 12,23 Prozent.

• Spardabank Hessen: 10,25 Prozent

• VR Bank Schwalm-Eder: 7,22 bis 9,49 Prozent.

• VR-Bank Baunatal: 12,25 Prozent.

• Commerzbank Kassel: 9,9 bis 11,9 Prozent.

Andere Kredite kosten weniger

Der Dispositionskredit über das Girokonto ist zwar oft teuer, hat aber den Vorteil, dass er meist ohne bürokratischen Aufwand gewährt wird und flexibel zurückgezahlt werden kann. Wer die hohen Zinsen meiden will, hat durchaus preiswertere Alternativen, die aber auch mit Nachteilen verbunden sind.

• Ratenkredit: Der Ratenkredit ist ein Darlehen über einen bestimmten Geldbetrag, der in gleichbleibenden monatlichen Beträgen und zu einem zuvor festgelegten Zinssatz in Monatsraten zurückgezahlt wird. Die Monatsraten enthalten die Kredittilgung, die Zinsen und mögliche Gebühren des Kreditinstitutes. Laut der unabhängigen FMH-Finanzberatung in Frankfurt müssen Kunden für einen Ratenkredit über 5000 Euro derzeit zwischen 8,32 Prozent und 2,99 Prozent Zinsen zahlen

• Rahmenkredit: Viele Kunden benötigen nicht gleich einen Ratenkredit mit langer Laufzeit, wollen aber auch keinen Dispokredit. Einige Banken nutzen diese Marktlücke und bieten ein Produkt zwischen diesen beiden Möglichkeiten an: den Rahmenkredit oder Abrufkredit. Diesen löst man monatlich mit einem bestimmten Mindestbetrag ab. Im Gegensatz zum Ratenkredit ist man weit flexibler, denn man kann beliebig viel zurückzahlen oder sogar alles auf einen Schlag tilgen. Der Zinssatz liegt laut FMH zwischen 6 und 10 Prozent. Wie beim Dispo – und anders als beim Ratenkredit – ist der Zinssatz variabel.

Von Peter Klebe

Rubriklistenbild: © dpa

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