Gewalttätige Straßenschlachten

Tote bei Protesten in Kairo - Panzer vor Palast

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Der Machtkampf entlädt sich einmal mehr auf der Straße: Einen Tag nach dem Massenprotest gegen den ägyptischen Staatschef Mursi ist es vor dem Präsidentenpalast in Kairo zu heftigen Zusammenstößen gekommen.

Kairo - Ägypten ist tief gepalten. Anhänger und Gegner des islamistischen Präsidenten Mursi liefern sich seit Tagen heftige Auseinandersetzungen. Die Gewalt nimmt zu. Es gibt Tote und viele Verletzte.

Nach den schwersten Unruhen seit Beginn der jüngten Krise in Ägypten hat die Armee am Donnerstag Panzer vor dem Präsidentenpalast auffahren lassen.

Bei Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegnern des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi sind in Kairo nach Medienberichten mindestens fünf Menschen getötet worden. Rund 500 weitere wurden verletzt, wie der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira am frühen Donnerstagmorgen unter Berufung auf Angaben des ägyptischen Gesundheitsministeriums berichtete. Die verfeindeten Gruppen hätten sich am Präsidentenpalast bis in den frühen Morgen mit Steinen und Brandsätzen bekämpft. Der Sender berichtete von Feuer in den Straßen um den Amtssitz des islamistischen Staatsoberhauptes.

Westerwelle bestürzt

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigte sich bestürzt über die jüngsten Gewaltausbrüche. Westerwelle erklärte in Berlin: „Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung“ Er appellierte an die Anhänger und Gegner von Präsident Mursi, den Konflikt friedlich zu lösen. Jetzt komme es darauf an, der „Herrschaft des Rechts“ wieder Geltung zu verschaffen.

Die Krawalle hatten am Mittwoch begonnen, als Mursi-Anhänger zu den seit Dienstag vor dem Präsidentenpalast protestierenden Gegnern einer weiteren Islamisierung des Landes zogen und anfingen, deren Zelte niederzureißen. Reporter berichteten, einige der etwa 10 000 demonstrierenden Islamisten seien auch auf Journalisten losgegangen. Nach einer leichten Beruhigung der Lage am Abend seien die Auseinandersetzungen in der Nacht erneut aufgeflammt, meldete Al-Dschsira.

Unter den Verletzten war auch der bekannte Aktivist Ahmed Douma. Freunde Doumas berichteten, der Gründer der Koalition gegen die Militärjunta und die Muslimbruderschaft, sei von Islamisten mit Messern im Gesicht verletzt worden.

Auch in anderen Städten kam es Medienberichten zufolge zu gewaltsamen Protesten. In Ismailia und Suez hätten Mursi-Gegner die Büros der ihm nahestehenden Muslimbruderschaft in Brand gesteckt. In der südlichen Stadt Luxor gingen Tausende von Anhängern der Islamisten auf die Straße und forderten die Einführung der Scharia

Gewalt in Ägypten eskaliert

Gewalt in Ägypten eskaliert

In Kairo überpinselten Islamisten Anti-Mursi-Graffiti, die Demonstranten am Vortag auf der Mauer vor dem Präsidentenpalast gemalt hatten. Nach einer Massenschlägerei feierten sie ihren „Sieg“ über die liberalen Demonstranten. Die Mursi-Gegner befürchten, dass der Präsident und die Muslimbrüder aus dem Land einen islamischen Gottesstaat machen.

Die Islamisten wollen ihr umstrittenes Verfassungsreferendum Mitte Dezember über die Bühne bringen - koste es, was es wolle. Vizepräsident Mahmud Mekki sagte am Mittwoch in Kairo: „Der Termin für das Referendum am 15. Dezember steht fest und wird nicht verschoben.“

Mehrere radikale Islamisten drohten den Oppositionellen mit einem „heiligen Krieg“ (arabisch „Dschihad“), falls diese ihre Sabotagepolitik gegen Präsident Mursi fortsetzen sollten. Der Generalsekretär der Partei für Unversehrtheit und Entwicklung, Mohammed Abu Samra, sagte in einem Interview des Nachrichtensenders Al-Arabija: „Wenn sie sich gegen die Legitimität stellen, dann werden wir äußerste Gewalt anwenden“. Er fügte hinzu: „Wir sind keine Muslimbrüder und auch keine Salafisten, wir sind Dschihadisten.“

Der für seine radikalen Ansichten bekannte Fernsehprediger Abdullah Badr sagte in einer Talkshow des ägyptischen Islam-Senders Al-Hafez, die Christen seien es, die den Protest gegen Präsident Mursi anführten. „Und wenn ihm auch nur ein Haar gekrümmt wird, dann reißen wir ihnen die Augen aus.“

Drei Berater Mursis traten aus Protest gegen die Gewalt auf der Straße zurück. Der Politologe Seif Abdel Fatah verkündete seinen Rücktritt am Abend in einem tränenreichen Interview mit dem TV-Sender Al-Dschasira live. Er erklärte, die komplette Elite des Landes sei eigennützig und habe nicht die Interessen der Bevölkerung im Blick. Die Website der Kairoer Tageszeitung „Al-Shorouk“ meldete, auch Eiman al-Sajed und der Fernsehmoderator Amr al-Laithi hätten sich aus dem Beratergremium zurückgezogen.

Der schon seit Monaten schwelende Konflikt zwischen den regierenden Islamisten und der säkularen Opposition war in den vergangenen zwei Wochen eskaliert, nachdem der islamistische Staatschef seine Machtbefugnisse auf Kosten der Justiz ausgeweitet hatte. Als die Islamisten dann auch noch einen Verfassungsentwurf vorlegten, der die Rolle der islamischen Religionsgelehrten im Gesetzgebungsprozess aufwertet und die Rechte der Frau infrage stellt, schwoll die Protestwelle der liberalen Gruppen weiter an.

dpa/dapd

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