Im Kreis Vechta entsteht ein geschlossenes Heim für kriminelle Zehn- bis 14-Jährige
Streit um „Kinderknast“
Hannover/LOHNE. In Lohne im Landkreis Vechta entsteht Niedersachsens erstes geschlossenes Heim für kriminelle Kinder. Die Einrichtung soll nach Informationen unserer Zeitung sieben Plätze für hochdelinquente Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren umfassen und am 1. Mai eröffnet werden.
„Mauern sind keine Antwort, sondern eine pädagogische Bankrotterklärung.“
Miriam Staudte (grüne)
Damit setzt die CDU/FDP-Landesregierung eine Vorgabe aus ihrem Koalitionsvertrag von 2008 um. „Für hochgradig gefährdete und kriminelle Kinder und Jugendliche werden wir die geschlossene Heimunterbringung mit erzieherischen und therapeutischen Konzepten auch in Niedersachsen umsetzen“, heißt es dort im Kapitel Justiz.
Im Rahmen einer beschränkten Ausschreibung suchte das Sozialministerium in Hannover nach einem geeigneten freien Träger der Jugendhilfe; vier Interessenten meldeten sich. Die Wahl fiel auf das Caritas-Sozialwerk St. Elisabeth in Lohne, weil es, so heißt es in einer Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Grünen, „am wirtschaftlichsten mit den eingesetzten Landesmitteln umgeht“. Das Ressort von Ministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) steuert rund eine halbe Million Euro für die Investitionskosten bei.
Beim Caritas-Sozialwerk erarbeitet man derzeit ein Konzept für eine „geschlossene intensiv-therapeutische Wohngruppe“ mit sieben Plätzen. Einzelheiten insbesondere über den genauen Standort und die Art der Sicherungsmaßnahmen will Geschäftsführer Reinhard Möller derzeit noch nicht nennen. Dem Vernehmen nach soll es sich um einen abgeriegelten Gebäudekomplex etwas außerhalb der 26 000-Einwohner-Stadt handeln.
Kinder unter 14 Jahren sind nicht strafmündig, können also auch nicht in Jugendarrest oder gar ins Gefängnis gesteckt werden. „Durch ein geschlossenes Heim wird dieser Grundsatz unterlaufen“, kritisiert die jugendpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion Miriam Staudte. Der Erfolg einer freiheitsentziehenden Unterbringung sei nicht erwiesen. Die Grünen haben eine Unterrichtung im Sozialausschuss beantragt. „Die Konzeption muss offengelegt werden.“
Die Abgeordnete verweist auf den Feuerberg-Skandal in Hamburg. In der Hansestadt waren den Insassen des geschlossenen Heims Feuerbergstraße unter anderem Psychopharmaka verabreicht worden.
Die Einrichtung wurde inzwischen geschlossen; die Vorgänge führten zu einem Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft.
Laut Staudte landen meistens nicht hochdelinquente Kinder in geschlossenen Heime, sondern „Totalverweigerer“, die nur schwer zu erreichen seien. Die Unterbringung sei dann eher ein Akt der Hilflosigkeit der Jugendämter. „Mauern sind keine Antwort, sondern eine pädagogische Bankrotterklärung.“
Von Peter Mlodoch