Neue Ansprüche

Streit um vermeintliches NS-Raubgut: Welfengold bleibt vorerst in Berlin

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Staunende Besucherinnen: Kuppelreliquiar aus dem Welfenschatz hinter Glas im Kunstgewerbemuseum in Berlin.

Berlin. Eingepackt, ins Ausland gerettet, zeitweise hinter Panzerglas präsentiert, im Bergwerk versteckt, hin- und herverkauft: Der mittelalterliche Welfenschatz hat einiges mitgemacht. 42 Goldschmiedearbeiten des Schatzes, die es zuletzt bis ins Berliner Kunstgewerbemuseum geschafft haben, sollen in der Hauptstadt bleiben.

Das jedenfalls rät die Limbach-Kommission, ein Schiedsrichtergremium für festgefahrene Fälle im Streit um millionenschwere Kunst.

Der Welfenschatz ist wohl das Heikelste, das den Experten um Ex-Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach bisher unterkam. Ist das ganze Gold Nazi-Raubkunst? Um diese Frage geht es seit Jahren. Auf der einen Seite die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der der Welfenschatz seit 1957 gehört. Auf der anderen Seite Erben von vier jüdischen Kunsthändlern, die das schimmernde Gut 1935 an den Staat Preußen verkauft hatten. Unter Druck verkauft und unter Wert, sagen Anwälte der Erben, weil wegen der Judenverfolgung im Dritten Reich keine andere Wahl blieb. NS-Raubkunst also? Das gäbe Anspruch auf Rückgabe.

Nein, befand jetzt die Limbach-Kommission. Es gebe keine Hinweise, dass das Geschäft unter Druck erfolgt sei. Der Preis von 4,25 Mio. Reichsmark habe der Lage auf dem Kunstmarkt nach der Weltwirtschaftskrise entsprochen.

Den Welfen jedenfalls, einst Herzöge in Braunschweig und Könige in Hannover, gehörte das gleichnamige Gold 1935 schon fünf Jahre nicht mehr. Teile ihrer früheren Reichtümer waren mit dem Ende der Monarchie in Deutschland 1918 ganz weg oder eingefroren. Zur Finanzierung von Schlössern und Pensionslasten wollten die Welfen die damals noch 82 Teile des Schatzes zu Geld machen. An 24 Millionen Reichsmark dachte man 1928.

Utopisch. Die Weltwirtschaftskrise kam dazwischen. Und die Stadt Hannover, der die Welfen Gold mitsamt Herrenhäuser Gärten für zehn Millionen Reichsmark anboten, lehnte 1929 ab: kein Geld da. Ein Konsortium jüdischer Kunsthändler griff für acht Millionen zu. Die Hälfte der Sammlung wurde bis 1932 weiterverkauft, meist an Museen und Sammler in den USA.

Hannover hatte den ursprünglich aus dem Braunschweiger Dom stammenden Reliquienschatz über die Jahrhunderte mehrfach in seinen Mauern. In Hessen war er auch: Zu Kriegsende 1945 ausgelagert ins Kalibergwerk Merkers/Thüringen, fuhr die US-Armee das Gold nach Wiesbaden. Dort waren Stücke zu sehen, bei einem Gastspiel bis 1963 zurück in Braunschweig ebenfalls. Seither liegt der Schatz in Berlin. Ob er bleibt, ist offen. Der Spruch der Limbach-Kommission ist nicht bindend. Auf dem Kunstmarkt, heißt es, könnte der Welfenschatz heute bis zu 400 Mio. Euro bringen. Gestern meldeten sich weitere Erben, schreibt die Berliner Zeitung.

Von Wolfgang Riek

Hier finden Sie die Datenbank zur Nazi-Raubkunst

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