Protokoll aus Gießen

Stress an Förderschulen in Hessen: „Es fehlt an Lehrern"

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Wer wissen will, wie es an Schulen wirklich zugeht, sollte sich mit Lehrern unterhalten. Wir haben uns an der Grundstufe einer Förderschule umgehört - in Gießen. 

Wie es an den Schulen zugeht – dafür sind die Landesregierungen zuständig. Sie steuern die Lehrerversorgung. Sie entscheiden über Hilfen bei der schulischen Integration von Flüchtlingskindern. Und sie müssen im Bildungsland Deutschland ein möglichst hohes Niveau garantieren.

Am 28. Oktober 2018 wird in Hessen ein neuer Landtag gewählt. Aus diesem Anlass haben wir uns mit Grundschullehrerinnen und einem Grundschullehrer in Hessen unterhalten, in Kassel, Frankfurt und Gießen. Nach den Gesprächen in Kassel und Frankfurt beenden wir unsere Protokolle nun mit einem Gesprächsprotokoll aus Gießen:

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Ich bin Lehrer in der Grundstufe einer Förderschule in Mittelhessen. Noch relativ jung, sehr engagiert, sehr interessiert auch an Politik, an Entscheidungen, die vor allem die Schulen betreffen. Ich stehe voll hinter meinen Schülern und will das Beste für sie tun. Also setze ich mich auch für eine gute personelle und materielle Ausstattung meiner Schule ein. Ich unterrichte Schüler mit Lernbehinderung, Körperbehinderung, geistiger Behinderung. Die Anforderungen an uns Lehrer dort sind ganz anders als an einer „normalen“ Grundschule.

Ich habe mit Interesse den Brief von unserem Kultusminister Ralph Alexander Lorz zum Schulanfang nach den Sommerferien an die Schulen gelesen. Da hatte man den Eindruck, es ist alles ganz wunderbar, es gibt keine Probleme.

Die Lehrerversorgung, heißt es da, ist weiter auf hohem Niveau. Aber wie definiert er das „hohe Niveau“? Klar ist, dass an vielen Schulen Lehrer fehlen und Unterricht ausfällt. Da frage ich mich: Von welcher Schule, von welchen Schulen spricht der Minister?

Wenn man das so liest, kommt man sich komplett verarscht vor. Weil man ja von seiner eigenen Schule weiß, dass es in Wahrheit ganz anders ist. In Wiesbaden wird gerechnet: An Schule X sind soundsoviele Schüler, also braucht die Schule soundsoviele Lehrer. Aber in der Praxis reicht die Abdeckung gar nicht. Es fehlt an Lehrern!

In Förderschulen dürfen im Bereich Förderschwerpunkt Lernen 16 Schüler in einer Klasse sein, sonst müssen die Klassen geteilt werden. Dieser sogenannte Schlüssel ist aus den 1980er Jahren. Das Lernen sieht aber heutzutage ganz anders aus, es gibt ganz andere Anforderungen als vor 30 Jahren.

„Wir sind uns an unserer Schule einig: Mehr als zehn Schüler in einer Klasse dürfen es auf keinen Fall sein, besser wären acht.“

LEHRER

Wir haben zum Beispiel Schüler mit mehrfachen Behinderungen. Außerdem hat ein Großteil zusätzlich Erziehungshilfebedarf. Dafür gibt es für uns aber keine Extrastunden oder zusätzliche Lehrkräfte. Das ist ein Problem.

Es kann sein, dass ein Schüler im Unterrichtet massiv stört, umgangssprachlich sagt man, er rastet aus. Um den muss sich der Lehrer dann intensiv kümmern. Manchmal sind es gleich mehrere, die nicht mehr zu halten sind. Dann ist schlicht kein Unterricht mehr möglich. Wir sind uns an unserer Schule einig: Mehr als zehn Schüler in einer Klasse dürfen es auf keinen Fall sein, besser wären acht.

Im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung gibt es diese Grenze von acht. Das lief früher unter der Bezeichnung geistige Behinderungen oder praktisch bildbar. Diese Schüler haben natürlich einen sehr hohen Förderbedarf, oft kommen zu der geistigen auch motorische Behinderungen dazu.

Diese Schüler sind oft sehr freundlich, zugewandt, die sind einfach gut drauf. Anders als im Förderschwerpunkt Lernen. Also da, wo es richtige Probleme gibt, wo es richtig knallt, da ist ein Schlüssel von 16. Das ist ein grobes Missverhältnis. Aber das interessiert in Wiesbaden offenbar niemand.

Ich will gar nicht sagen, dass es an unserer Schule extrem schlimm ist. Es gibt sicher Schulen, da gibt es noch gravierendere Probleme. Aber das macht es ja nicht besser. Das eigentliche Problem an der Förderschule ist die mangelhaft Versorgung mit Lehrern.

„Diese Helfer sind im Idealfall pädagogisch ausgebildet. In der Regel ist das aber leider nicht so.“

Lehrer

Hinzu kommt: Wir haben einige Integrationshelfer an unserer Schule, man nennt sie auch Inklusionshelfer. Die begleiten einzelne Schüler durch den Tag. Das sind Kinder, die massive Hilfe brauchen, die sich alleine nicht zurechtfinden, die autistisch sind, die alleine keinen Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen können.

Diese Helfer sind im Idealfall pädagogisch ausgebildet. In der Regel ist das aber leider nicht so. Viele dieser Helfer wissen nicht mal genau, was sie zu tun haben. Sie machen uns Lehrern erst mal richtig Arbeit statt uns Arbeit abzunehmen. Auch das ist ein Problem. Wir bräuchten einfach mehr ausgebildete Erzieher.

Und dann haben wir da die Tatsache, dass es viele Beschäftigte mit Zeitverträgen gibt. Diese Kollegen werden meist vor den Sommerfreien entlassen. Sie kommen danach zwar wieder. Aber das ist doch kein Zustand. Wie soll denn so jemand sein Leben planen? Das ist furchtbar. All dies sind Sachen, die wirken sich auf den Schulalltag extrem negativ aus.

Von Burkhard Bräuning

Hiermit endet unsere dreiteilige Serie mit Protokollen aus dem Schulalltag.

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