Braune Chef-Vertriebene

Studie belegt Nazi-Vergangenheit von BdV-Funktionären

+
Belastet als Träger des Hitler-Regimes: Erich Schellhaus (links) und Hans Krüger, zwei der elf Vertriebenen-Spitzenleute mit NS-Vergangenheit - hier bei einem Schlesiertreffen 1960.

Berlin. Elf der 13 Männer, die seit 1958 den gerade neugegründeten Bund der Vertriebenen (BdV) führten, waren ehemalige Nazis oder standen dem NS-Regime nahe. Das ist Ergebnis einer 600-Seiten-Studie des Historikers Michael Schwartz, die unter „Funktionäre mit Vergangenheit“ auf dem Markt ist.

Damit sind – nach Recherchen auch in osteuropäischen Archiven – Vorwürfe wissenschaftlich belegt, die schon früh aus der DDR und später immer mal wieder in den Medien laut wurden: Wer im Dritten Reich – wie acht der frühen Spitzen-Vertriebenen – ein NSDAP-Parteibuch hatte, Mitglied der SS oder anderer NS-Organisationen war, konnte auch in der jungen Bundesrepublik Karriere machen.

Nicht nur als Funktionär beim BdV - aber dort sei der Anteil der Belasteten „höher als bisher angenommen und überdurchschnittlich hoch“ gewesen, so Schwartz am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung.

Das Innenministerium hat die Arbeit am Institut für Zeitgeschichte mitfinanziert, angeregt hat sie die derzeitige BdV-Präsidentin Erika Steinbach. Allerdings erst, nachdem auch der letzte der frühen BdV-Vorderen 2002 gestorben war und der Spiegel 2006 aufgedeckt hatte, dass unter Vertriebenen-Funktionären der ersten Stunde extrem viele ehemalige NSDAP-Mitglieder waren.

2007 hatte Steinbach noch behauptet, im Bundesvorstand des BdV seien von je her mehr Widerstandskämpfer als Anhänger des Nationalsozialismus gewesen. Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende und Untergang des Dritten Reiches haben auch Bundesnachrichtendienst, Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz begonnen, Historiker ihre Nachkriegsjahre beleuchten zu lassen. Auch dort schafften es alte Nazi-Seilschaften weit nach oben.

Schwartz berichtet über einen noch nicht publizierten Bericht der Bundesregierung, wonach in verschiedenen Kabinetten „ein Bundeskanzler und 26 Minister vor 1945 Mitglieder der NSDAP oder anderer NS-Organisationen wie SA, SS oder Gestapo“ gewesen seien. Die auffällig braune erste BdV-Führung lasse keine Rückschlüsse auf die Vertriebenen insgesamt zu, sagte Schwartz im Deutschlandfunk: Die 13 seien nicht demokratisch gewählt und „sehr, sehr stark“ von Juristen dominiert gewesen. Und Juristen seien in der jungen Bundesrepublik „sehr viel höher NS-belastet gewesen als die Gesamtbevölkerung“. Seine Studie solle helfen, zwischen Übertreibung und Verharmlosung ernsthaft zu debattieren, so Schwartz. Auch unter den Vertriebenen selbst - das schließe Bereitschaft zur Differenzierung ein und „Anerkennung unumstößlicher Fakten“.

Von Wolfgang Riek

Aufstieg bis in Ministerämter

Nur zwei BdV-Vertreter zeigten deutliche Distanz gegenüber dem NS-Regime, heißt es beim Institut für Zeitgeschichte zum ersten BdV-Präsidium von 1958.

Rudolf Wollner stand auf der anderen Seite: „Freiwilliger in der Waffen-SS - und Kriegsverbrecher?“ hat Michael Schwartz das Kapitel über dieses Präsidiumsmitglied überschrieben. Laut Deutschlandfunk ist dort Wollners Dienst in der „Leibstandarte Adolf Hitler“ festgehalten.

 • Hans Krügers (1902 - 1973) Lebenslauf wird unter dem Titel „NS-Karrierist in Westpreußen - und Kriegsverbrecher?“ abgehandelt. Krüger war Vertriebenenminister unter Bundeskanzler Ludwig Erhard von Oktober 1963 bis Januar 1964. Nach Angriffen wegen seiner Tätigkeit in einem NS-Sondergericht trat er zurück.

Erich Schellhaus (1901 - 1983) widmet die Studie das Kapitel „Wehrmachtsoffizier im NS-Partisanenkrieg“. Schellhaus war von 1951 bis 1957 und von 1959 bis 1963 Vertriebenenminister in Niedersachsen.

Info: Der Bund der Vertriebenen (BdV) ist der Dachverband der deutschen Vertriebenenverbände. Er vereint 20 Landsmannschaften nach Herkunftsgebieten im Osten und 16 Landesverbände aus den Bundesländern. Die BdV-Homepage spricht von 1,3 Mio. Mitgliedern. (wrk)

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.