Studie zu Vergewaltigungen: Seltener fällt ein Urteil

Hannover. Vergewaltigte Frauen haben laut einer Studie deutlich weniger Aussichten auf eine Verurteilung der Täter als in früheren Jahren. Vor 20 Jahren hätten in Deutschland 21,6 Prozent der Frauen, die eine Anzeige erstattet hatten, die Verurteilung des Täters erlebt – 2012 seien es nur noch 8,4 Prozent gewesen. Das sagte Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN).

Die Arbeitsüberlastung bei Polizei und Staatsanwaltschaft sei ein Grund. Laut Studie nahm auch der Anteil der Tatverdächtigen aus dem familiären Umfeld zu. Als ein Grund gilt der 1998 neu ins Gesetzbuch aufgenommene Straftatbestand der ehelichen Vergewaltigung. Schwierig sei in solchen Fällen die Beweislage, wenn Aussage gegen Aussage stehe.

In der Studie zeigten sich beim Vergleich der Bundesländer deutliche Unterschiede. Demnach sind die Erfolgsaussichten der Frauen mancherorts sechsmal so groß wie in anderen Regionen. „Gleiches gilt im Hinblick auf das Risiko der betroffenen Frauen, in ihrem sozialen Umfeld aufgrund einer gescheiterten Anzeige als Verliererin oder gar als Lügnerin dazustehen“, heißt es in einer Erklärung des Instituts. „Für einen Rechtsstaat sind diese Befunde problematisch.“ Angaben zu den einzelnen Bundesländern machte Pfeiffer nicht, da sonst die Anzeigebereitschaft betroffener Frauen in Bundesländern mit geringer Erfolgsquote weiter sinken könne.

Die Opfer-Vereinigung Weißer Ring fordert eine Untersuchung der Hintergründe für die gravierenden Unterschiede in der Verurteilungspraxis in den Bundesländern. „Wir unterstützen das Anliegen des KFN und hoffen, dass die Bundesregierung die erforderlichen Mittel für diese Studie zur Verfügung stellt“, betonte die Bundesvorsitzende Roswitha Müller-Piepenkötter.

Frage der Dokumentation 

Entscheidend für den Erfolg vor Gericht sei eine Dokumentation der Erstaussage, erläuterte Pfeiffer – am besten per Video oder Tonband. „Selbst die zehn Prozent, die so was aus welchen Gründen auch immer erfinden, kann man dadurch besser herausfinden.“ Pfeiffer wies darauf hin, dass sich die für die Opferentschädigung zuständigen Behörden stark am Ausgang des Strafverfahrens orientierten.

Zugleich warf Pfeiffer die Frage auf, ob die sinkende Verurteilungsquote auch mit der höchstrichterlichen Rechtsprechung zusammenhängt. Viele Gerichte legten den Vergewaltigungsparagrafen 177 heute eher eng aus, seit der Bundesgerichtshof 2006 eine Verurteilung aufgehoben hatte, kritisierte er. In der Begründung habe es geheißen, selbst wenn der Angeklagte seinem Opfer die Kleidung vom Körper gerissen und gegen dessen ausdrücklich erklärten Willen Geschlechtsverkehr gehabt habe, belege das „nicht die Nötigung des Opfers durch Gewalt“.

Der Bundesverband der 170 Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen und die Menschenrechtsorganisation Terre des femmes setzen sich daher für eine Reform des Paragrafen ein. „Kaum ein Verbrechen in Deutschland wird so selten bestraft wie eine Vergewaltigung -– obwohl es eine der häufigsten Formen von Gewalt an Frauen ist: Alle drei Minuten wird in Deutschland eine Frau vergewaltigt!“ heißt es auf der Homepage von Terre des femmes. (dpa)

Die Studie auf www.kfn.de

Rubriklistenbild: © dpa

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