Für viele ist das Privatleben stressiger als die Arbeit

Studie enthüllt: Daheim gibt es den Stress, nicht im Job

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Wo würde man wohl lieber sein? Heinrich Lohse (Loriot) spielt mit Gattin Renate (Evelyn Hamann) Flöte. Die Szene stammt aus dem Loriot-Film „Pappa ante portas“ (1991), in dem Lohse in den Vorruhestand versetzt wird und feststellt, wie sehr er sich von seiner Familie entfremdet hat.

Wissenschaftler der Penn State University in Pennsylvania haben Stresshormone von Menschen bei der Arbeit und zu Hause untersucht – und dabei Erstaunliches festgestellt: Denn viele Menschen empfinden im trauten Heim mehr Stress als am Arbeitsplatz.

Zu Hause ist es noch immer am schönsten – oder doch nicht? Für die Studie, die jetzt in einer amerikanischen Fachzeitschrift erschien, wählten die Wissenschaftler per Zufallsprinzip 122 Angestellte aus. Alle waren mindestens 18 Jahre alt und arbeiteten fünf Tage pro Woche zwischen 6 und 19 Uhr in einem Büro außerhalb ihrer eigenen vier Wände.

Mit einer Speichelprobe ermittelten die Teilnehmer der Studie sechsmal täglich ihren Cortisolwert. Zudem vermerkten sie, wie glücklich oder gestresst sie sich gerade fühlten. Im Schnitt hatten die Probanten zu Hause höhere Cortisolwerte, die vom Körper als Reaktion auf Stress freigegeben werden.

Dabei gab es keine großen Unterschiede zwischen Singles und Verheirateten, Männern und Frauen oder Eltern und Kinderlosen. Frauen gaben jedoch häufiger an als Männer, an der Arbeit nicht nur weniger gestresst, sondern zudem noch besser gelaunt zu sein als zu Hause.

Das Forscherteam sieht die Gründe dafür in der Rollenverteilung. Viele Frauen müssten heute noch mehr im Haushalt arbeiten und sich stärker um die Kinder kümmern. Zeit für sich zu haben um mal abzuschalten, bliebe dadurch häufig auf der Strecke, sagte die Leiterin der Studie, Arbeitssoziologin Sarah Damaske dem „Wall Street Journal“.

Zudem würden wir im Job mit der Zeit zunehmend an Kompetenz gewinnen – was zu mehr Erfolgserlebnissen und Wertschätzung führt, was am Ende weniger Stress und mehr Belohnung bedeute, sagte Damaske. Zu Hause hingegen müsse vieles erledigt werden, das niemand bemerke. Zudem mache es auch einen Unterschied, dass die Arbeit im Büro bezahlt wird.

Berichterstattung im Wall Street Journal International (auf deutsch)

Die meisten Teilnehmer der Studie gaben an, sich an der Arbeit weniger gestresst zu fühlen, da sie immer wieder kurze Verschnaufspausen einlegen könnten. Dem Kleinkind zu Hause könne man nicht einfach sagen, dass Mama und Papa jetzt mal eine Auszeit brauchten.

Mehr Pausen im Alltag

Wer Stress im Privatleben abbauen will, sollte Strukturen aus der Arbeitswelt in sein Privatleben einbauen, rät Damaske im „Wall Street Journal“. Dazu zählen feste Pausen, die von der übrigen Familienmitgliedern akzeptiert werden müssen. Damit sie sich nicht ausgeschlossen fühlen, sollte genau festgelegt werden, wann und wie lange man sich eine Auszeit nehmen will. Zudem sei es wichtig, bestimmt Aufgaben einfach rigoros abzulehnen, so wie man bei der Arbeit auch Aufgaben ablehne, für die man nicht zuständig sei.

Wer allein lebe, eigne sich Stress an, indem er immer wieder kleinere Aufgaben erledigt. Auch hier könne Struktur für weniger Stress sorgen. Nebenbei fernsehen oder unregelmäßig essen sollten deshalb vermieden werden.

Von Daniel Göbel

Mehr Stress zu Hause als an der Arbeit: Ist das nachvollziehbar?

Ja, weil es näher geht

Es geht hier ja nicht darum, wer sich zuhause wohl oder unwohl fühlt. Die Frage ist: Was kann mehr stressen: der Job oder das Privatleben? Und da meine ich: das Privatleben.

Tibor Pézsa

Wohlbemerkt: Es kann stressiger sein, muss es aber natürlich nicht sein, schon gar nicht immer. Aber was macht etwa eine Mutter, wenn ihr Kind nachts schreit? Bleibt die liegen und sagt: Feierabend, da kümmer’ ich mich morgen drum? Natürlich nicht.

Was wiegt wohl schwerer: eine Ehekrise oder Ärger mit dem Chef? Logo: die Ehekrise.

Wer jung ist, privat für nichts und niemanden Verantwortung trägt als für sich selbst, dem mag ein Job wohl stressig vorkommen. Aber wer für eine Familie, einen Partner, für Kinder Verantwortung trägt, der weiß, was ihm oder ihr näher geht als die lieben Kollegen. Und das sind die geliebten Menschen zu Hause – in jeder Steilkurve des Lebens, auf allen Höhen und in allen Tiefen. Geliebt und gelitten wird ohne Pause und ohne Feierabend. (Tibor Pézsa (53) ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist Redaktionsleiter.)

Nein, weil Stress Kopfsache ist

Natürlich gibt es Phasen, in denen sich der ein oder andere woanders hinwünscht: Wenn nach der Arbeit ein pubertierendes Kind zu Hause auf einen wartet oder noch die Wohnung renoviert werden muss. Aber das geht vorüber. Weil es nur Phasen sind.

Constanze Wüstefeld

Ansonsten ist eine entspannte Freizeit auch eine Lebenseinstellung: Gönne ich mir am lauen Sommerabend ein Glas Wein auf dem mit Blumen bepflanzten Balkon? Ja, denn der Abwasch kann auch mal einen Tag stehen bleiben. Und der Besuch im Biergarten kann auch die Woche drauf nachgeholt werden. Nein sagen kann befreien.

Der Stress beginnt im Kopf, er ist selbstgemacht. Weil er das ist, kann man ihn auch abschaffen. Indem man sich auf die kleinen Dinge zuhause freut, anstatt das vermeintlich große Übel zu sehen. Dann kommt man nicht nur zufrieden von der Arbeit, sondern sieht das Zuhause auch als das an, was es ist: der Ort, an dem man sich wohl fühlt. (Constanze Wüstefeld (27) ist ledig. Sie ist Redakteurin.)

Hintergrund: So schalte ich nach der Arbeit richtig ab

Die Entspannung nach der Arbeit sollte in erster Linie eine Abwechslung sein und nicht mit erneutem Leistungsdruck verbunden sein. „Wir sprechen hier von sogenannten Gegenwelten, die vor allen Dingen selbstbestimmt und spaßorientiert sein sollen“, rät Sportpsychologe Prof. Dr. Jan Mayer. Die Tätigkeit selbst sollte im Vordergrund stehen, und nicht das Erreichen von Zielen. Dies kann Aktivität in Form von Sport sein, aber auch ein Buch lesen, baden, malen, mit der Familie, Freunden, dem Partner etwas unternehmen oder einem anderen Hobby nachgehen. Ein festes Ritual, beispielsweise eine Tasse Tee am Abend, kann den Übergang von Arbeit zu Feierabend erleichtern. (dpa)

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