Es knirscht im System der Energiewende

30 Stunden Strom verschenkt: Dass passiert bei Sturm mit der Windenergie

+
Sturmböen treiben bei Menteroda (Thüringen) Windräder an. Bei Windgeschwindigkeiten von 25 m/s müssen sie stillstehen. 

Kassel. Wind macht Strom. Wenn mehr Strom im Netz ist, als gebraucht wird, werden Lieferungen ins Ausland verschenkt. Einen Bonus gibt’s obendrauf.

Nach allem, was man beim Bundesverband Windenergie gestern wusste, haben Deutschlands Windkraftanlagen dem Orkan Friederike getrotzt. Bei Spitzen-Windgeschwindigkeiten von bis zu 56 Metern pro Sekunde auf dem Brocken oder 37 m/s im nordhessischen Frankenberg darf sich nichts mehr drehen: Ab 25 m/s müssen die Räder stillstehen. Sonst hätte Friederike wohl nicht nur für Chaos draußen, sondern auch für Negativpreise an den Strombörsen gesorgt. Fragen und Antworten:

Was bedeuten Negativ-Strompreise?

Überschussstrom kann man nicht stapeln. Bei kurzfristiger Abnahme wird er verschenkt. Und bringt obendrauf noch Geld – neun Euro pro Megawattstunde gab’s zuletzt in der Nacht zu Dienstag zwischen Mitternacht und ein Uhr früh drauf.

Wie kann so eine Überangebotslage entstehen?

Viel Strom im Netz, wenig Nachfrage. 134 Stunden lang stand so an der Leipziger Strombörse EEX der Preis im vergangenen Jahr auf dem Kopf, allein seit Neujahr waren es 2018 schon 30 Stunden.

Strom verschenken? Steigende Endverbraucherpreise sind doch ärgerlich genug ...

Die Energiewende-Denkfabrik Agora in Berlin hat das Problem untersucht: „2017 wurde – gemessen an Strombörsenpreisen und dem inländischen Verbrauch – Strom für insgesamt 180 Millionen Euro verschenkt. Der Börsenwert des insgesamt umgesetzten Stroms beläuft sich aber auf beinahe 18 Mrd. Euro, ist also einhundertmal größer.“ Zum Aufreger tauge das Thema nicht, heißt es bei Agora.

Trotzdem, wir reden von Gratisexport ins Ausland ...

Agora-Direktor Patrick Graichen sagt: „2017 wurde für 3,3 Milliarden Euro Strom ins Ausland exportiert, für Stromimporte wurden 1,9 Mrd. Euro ausgegeben. Der Exportüberschuss betrug somit 1,4 Mrd. Euro. Die Stunden, in denen mit negativen Strompreisen ins Ausland geliefert wurde, führten zu Kosten von knapp 41 Mio. Euro - und verminderten den Milliardengewinn des Stromhandels nur minimal.“

Ist an dem Missstand immer mehr Ökostrom schuld?

Um Schuld geht es nicht, sondern um stundenweises Überangebot – zu Neujahr sogar ab Mitternacht bis vier Uhr nachmittags. Agora-Direktor Patrick Graichen zu diesem Tag: „Die Steinkohlekraftwerke sind fast vollständig vom Netz gegangen – was sie noch vor fünf Jahren, als die ersten negativen Strompreise auftraten, nicht getan haben. Ebenso ein Teil der Braunkohlekraftwerke. Hier wurde offenbar in den vergangenen Jahren in die Flexibilität investiert.“ Manche alte Braunkohleblöcke blieben aber unflexibel und hätten weiter produziert, weil An- und Abschalten teurer gewesen wäre, als die Export-Belohnung zu zahlen.

Manches in der Debatte hört sich nach Glaubenskrieg an ...

Hubertus Bardt, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sagte dem Handelsblatt: „Im Moment gibt es für die Betreiber von Windrädern und Fotovoltaikanlagen zu wenig Anreiz, die Stromproduktion am Bedarf zu orientieren. Das müsste man über eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) ändern.“ Außerdem müsse der Ausbau der Netze höchste Priorität bekommen.

Wie argumentiert die Gegenseite?

Felix Matthes vom Öko-Institut meint: „Der deutsche Kraftwerkspark passt nicht zur Energiewende. Er ist zu träge. Schnelle Reaktionen auf Lastspitzen sind so nicht möglich. Gerade das wäre dringend erforderlich.“ Die Anpassung des Kraftwerksparks laufe viel zu langsam. Das geht gegen die Kohle.

Aber Kohlekraftwerkbetreiber bekommen keine garantierten Einspeisepreise, oder?

Auch Matthes räumt ein, selbst bei negativen Strompreisen gebe es für die Betreiber von Windrädern und Fotovoltaikanlagen über die garantierte EEG-Vergütung „noch den Anreiz, Strom zu produzieren“. Es knirscht im Parallelbetrieb von fossilen Kraftwerken und der Nutzung erneuerbarer Quellen, die langfristig an ihre Stelle treten sollen. Wenn das System nicht flexibler werde, könne es 2022 schon 1000 Negativ-Strompreis-Stunden geben, sagte eine Agora-Prognose schon 2014 voraus.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.