Sturm stellt Strompreis auf den Kopf

Blick auf das Pumpspeicherkraftwerk Waldeck 2 am Edersee bei Edertal-Hemfurth. Archivfoto: dpa

kassel/göttingen. Entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, Orkanböen, deren Wucht in Deutschland mindestens vier Menschen das Leben kostete: Die Herbststürme Herwart und Xavier haben zum Monatswechsel deutliche Spuren hinterlassen - bis in den Strommarkt. Herwart ließ Windräder - sofern sie nicht abschalten mussten - so gut laufen, dass ein Überangebot an Strom Tageskontrakt-Großhandelspreise der Leipziger Strombörse am Sonntag auf minus 52 Euro pro Megawattstunde rutschen ließ.

Laut Zeitung Die Welt war das der tiefste Negativpreis seit fünf Jahren. Strom, für den sie noch Geld obendrauf bekommen, nehmen Kunden aus angrenzenden Ländern gerne. Tarifkunden hierzulande haben allerdings nichts von Sturmspitzen: Sie zahlen bei Regen, Sonne oder eben Sturm ihrem Versorger den vereinbarten Satz. Der lag für Haushalte Anfang des Jahres im Schnitt bei gut 29 Cent pro Kilowattstunde (kWh) - und damit laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft im fünften Jahr stabil.

Preisdifferenz

Für manchen ärgerlich, aber im Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) so festgeklopft: Fallen die Börsenpreise dann wächst die Differenz zu jenen Einspeisesätzen, die die Energiewende-Politik Erzeugern von grünem Strom ohne CO2-Klimalasten oder Atommüll garantiert (siehe Stichwort).

In einem Versorgungsszenario mit erneuerbaren Energien „wird es immer wieder Erzeugungsspitzen geben, die weit oberhalb unserer heutigen Verbrauchslasten liegen“, sagt Dr. Clemens Hoffmann, Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel. Als neue Abnehmer „mit hohen Verlagerungspotenzialen“ sieht Hoffmann „neben den vielfach diskutierten Elektromobilen, die Umstellung der Heizungen auf die Wärmepumpentechnologie, die Elektrolyse zur Herstellung von Wasserstoff und den direkten Einsatz von elektrischem Strom in vielen sogenannten Reduktionsprozessen der chemischen Industrie“.

Erneuerbare lassen sich nicht an- und ausknipsen, sondern hängen von Wind und Sonne ab. „Naturgemäße Überleistungen“ gehören laut Hoffmann zum System. „Elektrofahrzeuge können bei hohem Wirkungsgrad etwa einen Tag an Überleistung aufnehmen. Die Wärmepumpe mit großen Wärmespeichern kann viele Wochen Überschussleistungen aufnehmen.“ Die Technik, aus Überschussstrom Gas zu erzeugen (siehe Hintergrund), könne noch größere Mengen an Energie speichern.

„Durch die allmähliche Entwicklung dieser Verbraucher wird eine neue Nachfrage geschaffen, die dann wieder preisbestimmend wirkt“, sagt der IWES-Institutsleiter. „Null- und Negativ-Preisszenarien, die wir heute beobachten, gehören dann der Vergangenheit an.“

Räder im Sturm

Selbst wenn sie starken Stürmen standhalten: Drehen bis die Getriebe glühen und die Strompreise noch weiter in den Keller gehen, dürfen Windräder sowieso nicht: „Bei Starkwind, ab 12 bis 25 Meter pro Sekunde, muss die Anlage in ihrer Leistungsabgabe begrenzt werden“, sagt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer beim Bundesverband Windenergie (BWE). Die Rotorblätter werden gepitcht, sprich im Wind gedreht, was die Leistung begrenzt. „Bei Sturm, ab 25 Metern pro Sekunde, muss die Windenergieanlage abgeschaltet werden, um eventuelle Schäden zu vermeiden.“

Stichwort: EEG-Umlage

• Die EEG-Umlage, die Kunden über die Stromrechnung zahlen, kostet derzeit 6,88 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Sie wird als Differenz zwischen dem Preis, den Stromerzeuger für ihren Strom bekommen, und den garantierten Abnahmepreisen für Ökostrom berechnet.

• Je niedriger der Börsenpreis, den Energiekonzerne beim Stromeinkauf zahlen müssen, desto höher die Umlage. Seit 2010 ist die EEG-Umlage mit Ausnahme von 2014 gestiegen - von 2,047 Cent auf jetzt 6,88 Cent. Der Anstieg ist gebremst: Nächstes Jahr sinkt die Umlage minimal um 0,088 auf 6,792 Cent pro kWh.

• Energieintensive Industrien erhalten EEG-Rabatt. Ohne diesen Rabatt, so der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, könnte die Umlage um fast ein Viertel sinken. (dpa)

Hintergrund: Power to Gas

• Bei der Technologie „Power to Gas“ wird aus Strom Gas. Das funktioniert grob gesagt in vier Schritten:

• Elektrizität: Zunächst wird der für den Prozess notwendige Strom CO2-neutral aus Anlagen der erneuerbaren Energie gewonnen, also Windrädern oder Solarstrom-Feldern.

• Elektrolyse: Dann wird mit Strom Wasser in seine Bestandteile gespalten, also Wasserstoff und Sauerstoff.

• Methanisierung: In einem speziellen Verfahren (BION) verstoffwechseln Mikroorganismen (Archaeen) bei etwa 60 Grad und niedrigem Druck Wasserstoff und Kohlendioxid (CO2) zu synthetischem Methan (SNG). Natürliches Methan entsteht bei allen organischen Gär- und Zersetzungsprozessen. Laut Institut für angewandte Umweltforschung verursacht allein die Tierhaltung 39 Prozent aller landwirtschaftlichen Methanemissionen, größtenteils von Rindern.

• Gasnetz: Das bei Power-to- Gas gewonnene synthetische Methan kann bevorratet und nach Bedarf in einem Blockheizkraftwerk verstromt werden oder direkt ins Erdgasnetz eingespeist werden. Dieses riesige Netz mit Rohrleitungen und Kavernen hat eine Speicherkapazität von Monaten.

• Bereits heute können Audi-Fahrer über ein E-Gas-Tankkartenmodell Biogas als klimaneutralen Kraftstoff tanken. Möglich machten das auch Kooperation Vorfeld mit dem Kasseler IWES und MicrobEnergy - einem Tochterunternehmen der Viessmann-Gruppe aus dem nordhessischen Allendorf/Eder. Die weltweit erste Power-to-Gas-Anlage ihrer Art steht am Unternehmenssitz in Allendorf. Seit 2015 ist sie in Betrieb. (mwe/wrk)

http://www.powertogas.info

http://zu.hna.de/microben

Von Wolfgang Riek

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